Leben in Zeiten von Corona – von Freude und Hoffnung

Gestern habe ich mich aufgerafft und mal wieder ein Kernwerk-Training absolviert. Das war recht moderat, aber auch nicht zu lasch. Für den Wiedereinstieg ziemlich perfekt. Ich möchte versuchen, jeden Tag eine kleine Sporteinheit einzubauen, da ich hier sonst fröhlich verfette. Von sieben Stunden Stehen und Gehen täglich auf quasi Null herunter ist nicht gut für mich.

Danach habe ich dann eine kleine Rundtour gemacht. Ich wollte / musste eh noch in die langsam schwindende Hexenküche und zwei Pakete versenden, außerdem hatte mich eine Kundin aus der Kletterhalle gefragt, wie sie an ihre im Spind eingelagerten Sachen herankommt – da ich einen Hallenschlüssel habe, konnte ich das schnell für sie holen. Und ein Paket bei der Post musste ich auch noch abholen.

Also erst zur Post und kurz aber nett mit dem Mitarbeiter dort geschnackt. Dann weiter zur Halle, wo zu meiner Überraschung eine Kollegin gerade dabei war, Routen abzuschrauben, um in den kommenden Tagen neue an die Wand zu bringen. Das macht Mut, denn es zeigt doch, dass die Betreiber fest davon ausgehen, dass es weitergehen wird, wenn wir die Corona-Krise einigermaßen ausgestanden haben. Nachdem ich erst die Ersatzschlüssel nicht finden konnte, habe ich dann doch die Sachen mitnehmen können. Schnell in die Hexenküche und die beiden Päckchen gepackt und hier zur Post gebracht (ja, hätte ich besser lösen können, ich wusste aber nicht, wie lange ich brauche und ob die Filiale mit meinem Paket dann noch geöffnet hat). Und wieder nach Hause. Und hier nicht wirklich was gemacht außer herumzugammeln, zu lesen, zu schlafen und dann nicht wieder in die Hufe zu kommen – ich habe den Mittagsschlaf als Kind schon gehasst und noch heute ist es so, dass mir mein Kreislauf abhaut, auch wenn ich nur kurz schlafe. Ich brauche dann idealerweise eine deftige Mahlzeit oder zumindest einen Ziegenleckstein, um wieder fit zu werden. Gestern hab ich das mit einem Salat und Knoblachecken gelöst – letztere habe ich locker seit 13 Jahren nicht mehr gegessen, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, sie in meiner aktuellen Wohnung je gemacht zu haben.
Viel mehr ging dann auch nicht, ich hab dann die Serie Dare Me auf Netflix angefangen. Abgesehen von echt krassen sportlichen Leistungen der Cheerleader ist die Serie düsterer als erwartet. Nix mit heiler Teeniewelt und so.

Heute war ich auch erstmal recht faul und hab mich dann entschieden, mit dem Rad zu Bekannten zu fahren, die riesige Mengen Brötchen zum WEiterverteilen bekommen hatten. Da dann noch einen Tee getrunken und mit zwei prall gefüllten Stoffbeuteln mit Brötchen nach Hause. Lecker gefrühstückt und dann wieder Couch, Katze, Buch, Netflix.

Kurz nach sechs hörte ich Musik von draußen. Tatsächlich, meine Nachbarn hatten einen Verstärker vor ihren Hauseingang gestellt und mit Geige, Gitarre und Gesang die Ode an die Freude angestimmt. Und viele weitere Nachbarn standen auf den Balkonen, hörten zu und sangen mit. Das war wunderschön! Er hat dann noch ein bisschen weiter Geige gespielt und kurz vor sieben haben wir dann alle gemeinsam Der Mond ist aufgegangen angestimmt. Ich hab mich sogar getraut, die Flöte auszupacken, was ich selten mache, weil ich ja nach wie vor nur sehr schlecht spiele. Aber es ging und hat Spaß gemacht!
Es tut gut, zu sehen, dass wir Nachbarn gemeinsam etwas auf die Beine stellen, miteinander reden, füreinander da sind. Ich bin gar nicht so alleine wie ich dachte, wenn ich hier zuhause bleibe. Danke, ihr Lieben!

Alles in allem war das ein schönes Wochenende, und auch, wenn ich noch mindestens drei Wochen zuhause sein werde, weil ich ja Urlaub habe (und bisher nicht davon ausgehe, dass nach Ostern alles wieder ist wie vor Corona, also werde ich wohl noch länger zuhause sein), habe ich so langsam das Gefühl, dass es gehen wird. Ohne Vereinsamung und Verlottern. Dafür habe ich auch zu viele Dinge, die ich gerne mache, auch wenn ich merke, dass ich mich zur Zeit noch schlechter konzentrieren kann als sonst.
Aber meine Socke wächst und gedeiht, in meinem Buch komme ich auch voran, und bald werde ich auch wieder Flöte üben und Französisch lernen. Mir ist klar, dass es nicht so einfach ist, aber es hilft zumindest ein wenig, die Krise auch als Chance zu sehen. Als Chance, ein bisschen herunterzufahren und bei sich anzukommen, achtsamer zu sein und sich nicht zu sehr zerfasern zu lassen.

Bleibt gesund – oder werdet zumindest nicht alle auf einmal krank!

Leben in Zeiten von Corona – zwischen Beschäftigung und Prokrastination

Eigentlich wäre ich in diesen Tagen in extremen Aktivismus verfallen, denn einerseits will/muss ich meine ehemalige Hexenküche bis zum Ende des Monats möglichst komplett geräumt haben, andererseits hätte ich ab Montag drei Wochen Urlaub und wollte mit einem Freund in den Kletterurlaub fahren.

Der Urlaub ist aus nachvollziehbaren Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben, frei habe ich aber trotzdem. Aber ich bin leider nur sehr begrenzt motiviert, etwas zu tun. Dazu kommt, dass ich derzeit latente Dauerkopfschmerzen habe, die mich auch nicht so richtig glücklich machen.
Was folgt daraus? Genau, ich puzzle hier ein bisschen herum und mache da ein bisschen was, aber nichts so richtig voller Elan. Wohnung aufräumen putzen? Kann ich auch noch in den kommenden Wochen. Zur Hexenküche fahren auch … Naja, da ist allerdings wirklich noch einiges zu tun und vor allem sehr viel, das auf den Recyclinghof soll. Genauso wie einiges aus meinem Keller, damit ich die Dinge, die ich auf die Schnelle nicht mehr verkaufen kann, da irgendwie noch unterbringe. Falls jemand Kosmetikrohstoffe, Formen, Tiegel, Flaschen etc. pp. gebrauchen kann: Meldet euch bei mir.

Ich habe es heute immerhin geschafft, das gesammelte Altpapier und den Müll rauszubringen, mir was zu kochen und meinen kaputten Lieblingsbecher ein bisschen weiter zu kleben. Das dauert leider, weil ich ein Teil schief eingesetzt habe, es aber auch nicht mehr herausbekomme und nun den Rest ganz vorsichtig zurechtschleifen muss.

Außerdem habe ich mein Strickzeug mal wieder ausgebuddelt und ein bisschen an meiner Socke weitergestrickt. Normalerweise stricke ich ja zwei Socken gemeinsam auf einer Rundstricknadel, hier hatte ich allerdings ein Nadelspiel genommen – und wie immer war die erste Socke fertig und bei der zweiten verließ mich die Lust. Jetzt ist vermutlich die Zeit gekommen, all diese angefangenen Projekte zu beenden. Ich habe noch mindestens zwei angefangene Pullover im Schrank und sicher noch mehr Socken.

Und weil wir alle ja in nächster Zukunft vermutlich deutlich mehr zuhause sein werden als üblich (ob nun ein Lockdown kommt, wie in einigen Bundesländern, oder „nur“ eine freiwillige Ausgangssperre herrscht), dachte ich mir, ich sammle mal, was man so alle machen kann:

  • Stricken oder Häkeln – wer es noch nicht kann, kann es lernen, es gibt tolle Tutorials auf YouTube
  • Zeichnen – ich bin da total unbegabt, habe aber Lust, es mal wieder zu versuchen. Stifte habe ich mehr als genug. Auch hier gibt es reichlich gute Tutorials auf YouTube
  • Ein Instrument spielen – in meinem Fall vor allem Querflöte, kann ich ein bisschen, will ich wieder besser können. Auch dafür habe ich neben meinen gesammelten Noten eine App (tonestro), mit der ich derzeit vor allem noch sehr einfache Volkslieder spiele
  • Backen – das geht irgendwie immer und mit dem Ergebnis kann man auch die vom musikalischen Üben genervten Nachbarn besänftigen. Natürlich sollte man nicht auf die Backware niesen und den Mindestabstand bei der Übergabe wahren!
  • Kochen. Macht satt und glücklich und man kann sich total kreativ austoben. Von Nudeln mit Klopapier rate ich allerdings ab.
  • Puzzles legen. Habe ich ewig nicht mehr gemacht, weiß auch noch nicht, ob ich es wieder machen werde, aber ich habe welche hier.
  • Wer nicht alleine wohnt: Gesellschaftsspiele spielen!
  • Virtuell ins Museum gehen. Unglaublich viele Museen bieten kostenlose virtuelle Rundgänge an. Das gleiche gilt für Zoos, Theateraufführungen etc.
  • Netflix, Amazon Prime etc. haben auch einiges an Ablenkung zu bieten (nutze ich aktuell zu viel, aber hey, ein Laster braucht der Mensch!).
  • Audible hat bis zum 19.04. ein paar Hörbücher kostenlos für alle im Angebot (ja, ohne Abo). Schaut euch mal um, vielleicht ist etwas für euch dabei. Übrigens auch auf Englisch – da kann man dann gleich seine Sprachfähigkeiten auffrischen.
  • Wer eine hat: Die Murmelbahn mal wieder aufbauen. Ich bin stolze Besitzerin einer Cuboro und werde diese ganz sicher in den nächsten Wochen wieder fleißig nutzen
  • Fremdsprachen lernen. Ich bin ein großer Fan von Rosetta Stone, die gerade ihr Lifetime-Angebot auf alle angebotenen Sprachen ausgeweitet haben (nur mein bestehender Account wurde noch nicht geswitcht, da muss ich mal nachhaken, bin mit Französisch und Arabisch aber auch mehr als ausgelastet).
    Alternativ bieten sich aber auch Babbel oder Duolingo an.
  • Und natürlich, Sport machen. Das geht auch in der Wohnung, wie einige sehr lustige Videos zeigen, die derzeit viral gehen. Es geht aber auch mit Eigengewichtsübungen (mit und ohne Anleitung), mit Yoga, einem Hometrainer und vielen anderen Dingen. Es gibt tolle Yoga-Anleitungen im Netz (Yoga mit Adrienne auf YouTube, YogaBurn und einiges mehr), für die allgemeine Fitness nutze ich gerne Kernwerk oder Freeletics.
  • Wer schon immer mal darüber nachgedacht hat, ein Buch zu schreiben, hat vermutlich nie wieder so viel Zeit wie in den kommenden Monaten. Tut es, es macht Spaß (auch, wenn einen die Figuren sehr gerne mal in den Wahnsinn treiben!). Ihr braucht dafür nur Notizbuch und Stift oder Rechner und Textverarbeitungsprogramm. Wer ein deutlich komfortableres Programm möchte, dem kann ich Scrivener ans Herz legen (andere Autoren schwören auf Papyrus Autor).
  • Und last but not least: Lesen. Bücher sind toll! Man trifft auf so viele wunderbare Kulturen, reist in andere Welten, lernt schrullige Figuren kennen. Und der lokale Buchhandel freut sich über Bestellungen (falls das nicht klappt, ist natürlich auch ein ebookreader eine Idee, besonders, wenn man eine Anbindung an die onleihe oder Kindle Unlimited bzw. vergleichbare Angebote nutzt).

 

Vorhin traf ich meine direkten Nachbarn im Treppenhaus. Wir haben uns mit dem gebotenen Sicherheitsabstand kurz unterhalten. Sie ist jetzt im Homeoffice, wir haben also die Möglichkeit, unsere Isolation ein bisschen zu unterbrechen, indem wir uns im Treppenhaus oder von Balkon zu Balkon unterhalten. Das wird auch noch eines meiner Projekte: Meinen Balkon aufzuräumen und herzurichten, damit ich möglichst viel draußen sitzen kann.

Neben all diesem Optimismus erwischt mich hin und wieder aber auch die Erkenntnis, wie surreal das alles ist. Als ich vorhin den Müll rausbrachte, war es viel stiller auf den Straßen als üblich. Keiner meiner Nachbarn war zu sehen, auch nicht auf den Balkonen. In der Ferne war ein Martinshorn zu hören, das normalerweise im Stadtlärm untergegangen wäre. Alles in allem scheint so langsam ins kollektive Bewusstsein zu sickern, dass es ernst ist.

Wer die Zahlen und Hochrechnungen verfolgt, ahnt, dass es in ein paar Wochen nicht vorbei ist. Es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Und wie Bilbo Beutlin bin ich mir noch nicht sicher, ob ich wirklich in diesen leben will, aber mir bleibt ja gar nichts anderes übrig. Also machen wir alle das Beste daraus!

Leben in Zeiten von Corona – Ein paar Zahlenspiele

Die Entwicklungen bezüglich des Coronavirus‘ schreiten so schnell voran, dass kaum jemand noch gescheit mitkommt.
Letzten Dienstag sagte ich noch ungläubig zu einer Kollegin „ich hab eben im Radio gehört, Italien hätte 480 bestätigte Fälle, das kann doch unmöglich stimmen?!“ Und während wir noch überlegten, ob das stimmen kann, kam ein Kollege und bestätigte es. Okay, es waren 460 Fälle, aber es war viel – ein paar Tage zuvor waren es keine 20 gewesen.

Heute, nur neun Tage später, hat Italien knapp 3000 Todesfälle durch Corona. Man lasse sich das bitte durch den Kopf gehen, ganz langsam. Von 460 bestätigten Infizierten auf knapp 3000 bestätigte Todesfälle in nur neun Tagen.
Mein Kopf begreift es nicht. Und genau da liegt vermutlich auch das Problem: Die meisten verstehen es nicht. Obwohl es bitterer Ernst ist und die italienischen Krankenhäuser bereits seit Tagen überlastet sind, ist es zugleich völlig abstrakt. Weil es eine Situation ist, die wir so noch nie zu unseren Lebzeiten hatten. Wir haben eine Pandemie, und zwar weltweit. Es gibt zwar Länder, die noch nicht oder kaum betroffen sind, aber es ist eine Frage der Zeit. Und die Menschen sterben wie die Fliegen, wenn nicht rechtzeitig etwas getan wird.

„Ach, so schlimm ist das gar nicht, die Sterberate liegt bei maximal 3%. Und ich bin jung und fit, mich betrifft es eh nicht, ich mache jetzt Party, stecke mich an und wenn ich durch bin, bin ich eh immun.“ Solche und ähnliche Sätze hört man nicht nur vom US-amerikanischen Springbreak, sondern auch hierzulande immer mehr.

Stellen wir mal eine einfache Rechnung auf:

Deutschland hat derzeit knapp 81,5 Mio. Einwohner. Davon werden sich im Laufe der Zeit voraussichtlich 60-70% mit dem neuen Coronavirus infizieren. Das sind dann 49 bis 57 Mio. Menschen.
Von diesen sterben 1-3%, das macht dann im besten Falle knapp 500.000 Tote und im schlechtesten gut 1,7 Mio. Tote.

Wir haben derzeit etwa 28.000 Intensivbetten in ganz Deutschland. Wenn ungefähr 5% der Erkrankten auf Beatmung angewiesen sind, dann hieße das bei 49 Mio. Erkrankten eine Quote von 2,45 Mio. Intensivpatienten.
Nehmen wir weiter an, jeder von ihnen bliebe im Schnitt eine Woche auf der Intensivstation. Dann sind diese 28.000 Betten für 88 Wochen ausgebucht. Das sind fast 1,7 Jahre oder Ein Jahr und acht Monate.

Ein Jahr und acht Monate, in dem keine weiteren Intensivpatienten aufgenommen werden könnten, weil die Betten belegt sind. Kein Herzinfarkt, kein Schlaganfall, kein multiples Organversagen, keine Unfallpatienten – niemand, der dann noch ein freies Bett im Krankenhaus findet.

Selbst, wenn wir wie derzeit in Italien die Patienten nach bereits vier Tagen entlassen und nur 3% der Erkrankten intensivmedizinisch behandelt werden müssen, kommen wir noch auf ein komplettes Jahr volle Bettenauslastung. Ein Jahr, in dem ebenfalls kein anderer Patient auf die Intensivstation kommen darf. Keine OPs, die Intensivpflege benötigen. Keine Beatmung für andere Patienten. Lungenentzündungen, Mukoviszidose, Krebs? Darfst Du alles nicht bekommen oder haben. Und vieles mehr.

Ganz ehrlich: Wenn wir nicht umgehend dafür sorgen, dass wir die Kurve abflachen, sind wir am Arsch. Das da oben sind übrigens die best case-Zahlen. Wenn wir von 70% Infektionen und 10% Intensivpflege für sieben Tage pro Patient ausgehen, sind wir bereits bei vier vollen Jahren Bettenauslastung.

Bleibt verdammt noch mal zuhause, wenn es irgendwie geht! Geht alleine in den Wald oder Park, aber nicht in Gruppen. Sucht euch eine kleinste Peergroup und verlasst diese nicht. Und zwar keiner von euch – diese Gruppe ist euer Sozialkontakt, niemand darf Kontakte außerhalb haben, die über den zu Kassiererinnen, Tankwarten und Ärzten hinausgehen. Wenn ihr arbeiten müsst, sorgt dafür, dass ihr so wenig Kontakt zu Kunden und Kollegen habt, wie irgend möglich. Egal, wie albern andere euch finden.
Meine Kollegin hat Anfang letzter Woche damit begonnen, alles mit Handschuhen zu machen und ihre Hände sowie Kontaktflächen zu desinfizieren. Ich entschuldige mich hiermit bei ihr dafür, dass ich es für überzogen hielt. Ich bin jetzt voll bei ihr.

Ich war heute draußen. Und einkaufen. Ich bin spazieren gegangen und Menschen begegnet. Wir haben alle Abstand gehalten, sind zügig aneinander vorbeigegangen, haben höchstens kurz gegrüßt. Die Spielplätze waren leer, die größte Gruppe, die ich gesehen habe, waren fünf Kinder, ansonsten waren die Menschen alleine oder zu zweit unterwegs. Im Supermarkt wurde der Abstand so gut es ging eingehalten. Das ist wichtig, wenn wir keinen kompletten Lockdown wollen!

Noch ein kleines Rechenbeispiel:

Wenn jeder von uns zu genau vier weiteren Menschen Kontakt hat und diese insgesamt fünf Personen unter sich bleiben, dann ist das eine weitestgehend geschlossene Gruppe. Bekommt einer das Virus, bekommen die anderen fünf es mit großer Wahrscheinlichkeit auch, aber kein weiterer.
Hat auch nur einer von ihnen Kontakt zu einer weiteren Person, die ebenfalls ihre vier Kontaktpersonen hat, so sind insgesamt neun Menschen infiziert. Hat jeder von ihnen Kontakt zu einer weiteren Fünfergruppe (von der er ein Teil ist), so sind insgesamt nicht fünf, sondern 25 Personen infiziert. Und wenn diese auch alle wieder Kontakt zu einer Fünfergruppe haben, sind wir bei 125. Und so weiter und so fort.

Und genau das ist die Gefahr aktuell. Wir igeln uns zwar ein, aber wir treffen uns in Kleingruppen. Heute mit Helga, Bernd und Karl zum Spieleabend, morgen mit der Familie zum Essen. Die Kinder treffen sich heute mit Eva und Finn und morgen mit Lena und Lars. Und diese Personen treffen sich auch wieder heute mit uns und morgen mit anderen. Und so kommt das Virus weiter.
Bis zu einem gewissen Grad soll es das sogar, langsam und halbwegs kontrolliert, damit wir mittelfristig so viele Menschen infiziert haben, dass eine gewisse Grundimmunisierung besteht und die Erkrankungsrate abnimmt. Aber noch sind wir am Anfang der Kurve, nicht in der Mitte und schon lange nicht an ihrem Ende. Und um die Mitte so flach wie möglich zu strecken und die Auslastung der Krankenhäuser so niedrig zu halten, dass auch immer noch Betten für weitere Patienten zur Verfügung stehen, müssen wir unsere realen Kontakte so knapp wie möglich halten – vor allem, solange es noch keinen wirksamen Impfstoff gibt. Und das wird noch recht lange dauern.

Aber wir haben ja andere Möglichkeiten. Telefoniert miteinander. Schreibt Mails. Oder Briefe, wenn Oma keine Mailadresse hat. Chattet, schreibt Whatsapp-Nachrichten und trefft euch online bei Discord oder in MMORPGs. Das macht nebenbei auch noch eine Menge Spaß.

Informiert euch, aber verbreitet keine Panik. Die Zeiten sind hart, aber die allermeisten von uns werden sie überstehen. Wenn wir besonnen handeln.

Ich zitiere mal eine Freundin: „Ich habe sie nicht gewählt, aber Angela Merkel ist meine Kanzlerin.“ Und ja, das, was sie gestern an uns alle gerichtet hat, war klug und besonnen. Wir sollten es uns zu Herzen nehmen.

Die Kieler Woche wurde auf Anfang September verlegt. Ich finde es auf der einen Seite gut, habe aber auf der anderen Seite die Befürchtung, dass das nicht weit genug gedacht ist. Vermutlich wäre es besser, sie 2020 ausfallen zu lassen. Wir werden sehen.

Meine persönlichen Erfolge heute:

  • Ich bin gut eine Stunde spazieren gegangen und habe den beginnenden Frühling genossen, ohne in direkten Kontakt mit anderen Menschen zu kommen
  • Ich habe fast meinen kompletten Wäscheberg abgearbeitet
  • Ich habe viel gelesen
  • Ich habe sehr viel mit der Katze geknuddelt (okay, das mache ich immer und sie ist ebenfalls immer der Meinung, dass es nicht genug war)
  • Ich habe eine Stunde mit einer lieben Freundin telefoniert
  • Ich habe ein bisschen Flöte gespielt

Und ansonsten habe ich das Faulsein genossen und ein bisschen online gezockt.

Wir sind nicht allein, auch wenn wir isoliert sind. Vergesst das nicht. Die Menschen, die wir lieben, sind in ihren Wohnungen und warten darauf, dass wir uns alle wiedersehen. Sorgen wir dafür, dass es dazu kommt.

Leben in Zeiten von Corona – Teil 1

Seit gut drei Monaten ist das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 beim Menschen im Umlauf – zur allgemeinen Entwicklung muss ich nichts sagen, es beherrscht eh seit Wochen auch in Deutschland alle Medien und Gespräche und ist Thema Nummer Eins.

Ich selbst arbeite in der Gastronomie (Hauptjob) und in einer Kletterhalle (Nebenjob). Die Kletterhalle musste bereits letzten Samstag auf unbestimmte Zeit schließen, das Café hat sehr eingeschränkt noch geöffnet.
Da unsere Küche auch diverse Kitas mit Mittagessen beliefert, war der erste heftige Schlag ins Kontor die Nachricht am vergangenen Freitag, dass die Kitas bis zu den Osterferien schließen. Bis auf einen sind alle Köche in Kurzarbeit geschickt worden, der Bäcker durfte vorerst auch bleiben. Montag und Dienstag gab es noch Mittagstisch, gestern wurde dann auch der Bäcker heimgeschickt, der verbliebene Koch übernimmt alle Aufgaben.
Unsere Aushilfen haben keine Schichten mehr, der Rest von uns wurde in zwei Teams eingeteilt, die wochenweise wechselnd arbeiten sollen – Kurzarbeit. Ich hatte gestern noch eine Schicht, theoretisch auch noch heute bis Freitag, die wurden aber alle ersatzlos gestrichen. Ab kommender Woche hätte ich eh drei Wochen Urlaub, bis dahin bummel ich Überstunden ab. Und danach: Kurzarbeit.
Gestern wurde unser Lager geräumt, sämtliche Frischware (Obst, Gemüse, Milchprodukte etc.) werden günstig verkauft. Die Kunden sind teilweise so unglaublich süß, dass es uns die Tränchen in die Augen treibt.
Seit heute dürfen wir nur noch liefern und außer Haus verkaufen. Ich war vorhin dort, um mir selbst noch ein paar Lebensmittel zu holen (und ja, wir haben auch Klopapier! ;D) und es fühlt sich seltsam an, wenn die Tische alle unbesetzt sind, kaum Menschen im Laden und die beiden verbliebenen Kolleginnen halt auch nicht wissen, wie es weitergeht. Sicher ist wohl nur, dass wir nicht gekündigt werden, solange es irgendwie geht. Das ist tröstlich.

Ich habe jetzt sehr viel Zeit, denn der geplante Kletterurlaub kann und wird nicht stattfinden. Ich räume derzeit eh endlich meine Hexenküche aus und werde damit die nächsten Tage verbringen, solange es noch keine Ausgangssperre gibt. Und ich werde mich mit langen Spaziergängen fit halten, denn noch hoffe ich, dass der Megamarsch Anfang Juni stattfindet – auch, wenn die Chancen rapide sinken.

Auch meine Wohnung kann etwas Aufmerksamkeit gebrauchen, die Katze eh (aber die hätte eh gerne am liebsten eine 24/7-Kuschelbetreuung, das werde ich nicht ganz schaffen) und dann sind da auch noch diverse Bücher, die endlich mal gelesen werden wollen. Und wer weiß, vielleicht schreibe ich auch endlich mal wieder selbst.

Gedanken mache ich mir um ein paar Menschen in meinem Umfeld, die aus dem einen oder anderen Grund zur Risikogruppe gehören und nicht alle so einsichtig sind, dass sie Menschenansammlungen meiden. Und ich gehe davon aus, dass es nicht mit zwei Wochen „Ruheverordnung“ getan ist. Aktuell wird der Peak der Infektionen für Juni erwartet, das heißt, dass wir eher noch sechs Monate mit deutlichen Einschränkungen im Sozialleben rechnen müssen. Und danach wird sich das Leben neu sortieren müssen.

Hoffen wir, dass dies keinen weiteren Nährboden für rechte Strömungen bietet. Toleranz und Zusammenhalt sind das Wichtigste. Teilt Klopapier und Nudeln mit euren Nachbarn, Freunde. Lasst euch nicht von billigen Meinungsmachern einfangen. Und bleibt gesund!