Rezension Der Mädchensammler

Dank BookCrossing steht das Buch schon eine ganze Weile bei mir und durfte nun mit in die Badewanne – und von da dann auch mit nach Schweden.

Es geht um eine Gesichtsrekonstrukteurin, ihren Lebensgefährten (Polizist) und die Adoptivtochter Jane, die so gar nicht wie ein typischer 17-jähriger Teenager ist. Jane sieht einer historischen Figur aus Herculaneum sehr ähnlich, was einen psychopathischen Serienmörder auf sie aufmerksam macht, der die historische Figur in jeder Hinsicht aus der Welt schaffen will.

Das Buch ist definitiv spannend, hat für mein Empfinden aber auch haufenweise Logikbrüche und erzwungene Spannungsbögen, die generell nicht so mein Fall sind. Wenn Figuren Fragen stellen und die Antwort dann nicht kommt, obwohl die Szene fortgeführt wird, dann ist das für mich schlechter Planung der Autorin zuzuschreiben. Figuren werden nur halb vorgestellt, sind irgendwie zwielichtig und verhalten sich seltsam, was auch später nur unzureichend aufgelöst wird, so dass man sich die ganze Zeit fragt, was derjenige denn nun eigentlich wirklich im Schilde führt.
Trotzdem war ich nach ein paar Tagen durch und habe mich nicht gelangweilt.

Da das Buch aus einer Reihe stammt, geht die Geschichte um Jane und ihre historische Doppelgängerin im nächsten Band weiter. Ob ich den lesen werde, muss ich aber noch sehen.

Iris Johansen: Der Mädchensammler. ISBN: 978-3471795316

Nina Buschmann: Wo bitte gehts hier um die Welt?

Nina Buschmann, jahrgang 1977, ist seit 1999 fast ununterbrochen in der Welt unterwegs. Ihre Zweisprachigkeit ermöglichte es ihr, während eines Auslandssemesters in Irland ein Zertifikat zu erwerben, mit dem sie weltweit Englisch unterrichten kann. Diese Chance ergriff sie und reiste zunächst nach Bolivien, um in einer Art Klosterschule zu arbeiten. War sie hier noch Mädchen für alles, so unterrichtete sie später Englisch in unterschiedlichen Ländern Mittel- und Südamerikas, in Australien, Japan und in der Karibik. Dabei lernte sie von einfachsten Schulen, in denen es nicht einmal Unterrichtsmaterial gab, bis hin zu perfekt organisierten Betrieben auf dem neuesten Stand, alle Abstufungen kennen.

Ihre Geschichte erzählt sie anschaulich und spannend, ohne in Klischees oder Selbstbeweihräucherung zu verfallen, auch eigene Fehlentscheidungen kommen zur Sprache, so dass der Bericht unmittelbar und authentisch rüberkommt. Besonders bewundert habe ich ihre Fähigkeit, auch aus den verfahrensten Situationen immer wieder herauszufinden und nie ihren Mut zu verlieren, auch wenn es Phasen der Verzweiflung und des Heimwehs und natürlich der Selbstzweifel gab.

Was dem Leser sehr zugute kommt, ist ihre Art, unbefangen und neugierig auf neue Situationen und fremde Menschen zuzugehen, so dass man immer wieder durch ihre Augen einen Blick auf Kulturen werfen kann, die einem als Mitteleuropäer in der Regel allenfalls aus Fernsehberichten bekannt sind.

Da ich Nina während ihrer Zeit auf Tobago kennenlernte und drei Monate lang während meines Praktikums das Apartment mit ihr teilte, war ich auf das Buch doppelt gespannt, da sie natürlich einiges aus den vorigen Jahren berichtet hatte, wenn wir abends mit einem Bier auf unserer Terrasse saßen und uns vom Tag entspannten. Es spricht sicher auch für das Buch, dass auch die Geschichten, die ich schon kannte, mich erneut fesseln konnten, da ich nun Details erfuhr, die mir noch unbekannt waren.

Für alle, die das Buch lesen: Es kommt eine Matratze darin vor, die in einem Plastikbezug steckte und auf der man in diesem Zustand unmöglich schlafen konnte. Ich bewundere Nina dafür, dass sie es offensichtlich eine volle Woche damit aushielt, denn ich habe der Matratze nach der ersten Nacht die Plastikhaut abgezogen und diese still und heimlich entsorgt, war ich mir doch sicher, dass Bernadine, unsere Vermieterin, das gar nicht witzig gefunden hätte!

Die Lektüre des Tobago-Teils hat in mir viele alte Erinnerungen sowie ein nie ganz verschollenes Fernweh – in Bezug auf Tobago schon fast Heimweh – geweckt.

Wer Reiseberichte mag und gerne einen tieferen Blick hinter die Kulissen anderer Kulturen wirft, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt. Und wer darüber hinaus etwas über Ninas aktuellen Aufenthaltsort im Oman und ihr Leben dort erfahren möchte, dem sei ihr Blog ans Herz gelegt.

Ninas Website: Wo bitte gehts hier um die Welt?
Amazon: eBook, Print
smashwords: eBook (diverse Formate)

 

 

 

 

 

 

Franka Rubus: Die Blutgabe

Noch ein Vampirroman? Ja, noch ein Vampirroman. Allerdings glitzert hier niemand, und sehr romantisch geht es auch nicht zu.

Zu Beginn folgt die Perspektive Red September 38.07, einem jungen Mann, der in einer Blutfarm lebt und dem es dort gut geht. Blutfarmen, das lernt man nach und nach, sind große Lebensbereiche der Menschen, aus denen man jedoch nicht einfach so ausreisen kann. Die Menschen werden gut versorgt und spenden als Gegenleistung ihr Blut, denn Vampiren ist es verboten, direkt von Menschen zu trinken. Die Vampire sind in gewisser Weise zivilisiert, leben in Städten und gehen ihrer Arbeit nach. Sie zerfallen tagsüber nicht zu Staub, sind aber lichtempfindlicher als Menschen, was sich im Laufe ihrer Lebenszeit steigert.
Und es gibt zwei Arten von Vampiren: Die Konservativen und die Progressiven, die in jungen Jahren unberechnbar und blutrünstig sind und erst im Laufe ihrer Entwicklung ihr Bewusstsein zurückerlangen und somit auch in die Gesellschaft integriert werden.
Dann gibt es noch die Bloodstalkers, eine kleine Gruppe von Vampiren und Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, junge Prograssive, sogenannten Bluter, zu töten, um die Verbreitung der Progressiven Art einzudämmen.
Red September gerät über Umwege an die Bloodstalkers, bei denen er seine Freundin Blue wähnt. Diese hat es jedoch nicht durch die erbarmungslose Stadt geschafft, ihr Verbleib ist ungewiss, und Red schließt sich den Bloodstalkers an, um stark zu werden und Blue zu finden und zu retten.

Im zweiten Teil folgt die Perspektive einer Gruppe Vampire, die in einer Forschungsstation versuchen, die Ursache des Progressiven Vampirismus zu finden. zu ihnen gehört auch Kris, der zugleich ein Bloodstalker ist und ein Doppelleben führt. Es bleibt lange unklar, wem seine Loyalität gehört.

Die Geschichte ist anders als bisherige Vampirgeschichten, sie ist wunderbar erzählt und scheut auch nicht vor wissenschaftlichen Komponenten, die gut recherchiert sind – anders als in vielen Thrillern, in denen die Logik häufig nur allzu schnell auf der Strecke bleibt, ist hier die Idee des wissenschaftlichen Aspektes des Vampirismus gut durchdacht und logisch geschildert.
Auch die düster angehauchte Welt, in der die Geschichte spielt, ist stimmig, die einzelnen Personen sind glaubhaft ausgearbeitet und ihre Handlungen nicht übertrieben.
Alles in allem hat mich das Buch gefesselt, und gerade, dass am Ende manches nicht bis in letzte Detail erklärt, sondern nur angedeutet wird, hat mir gefallen, denn der Leser behält die Möglichkeit, sich eigene Gedanken zu machen.

Für alle, die nach Edward & Co. mal wieder eine etwas düstere Vampirgeschichte lesen mögen und die vor Dark Urban Fantasy mit spitzen Zähnen nicht zurückschrecken, ist das Buch ein Genuss!

Einzig die Frage bleibt, warum deutsche Autoren ihre Geschichten so gerne in Amerika ansiedeln. Es hätte der Geschichte nicht geschadet, wenn sie statt in Kenneth, Minnesota, in Verden an der Aller oder in Castrop-Rauxel gespielt hätte. Aber das nur am Rande, denn unterm Strich bleibt ein lesenswerter, unterhaltsamer Roman einer jungen deutschen Autorin.

Florian Tietgen: Helden

Der Roman Helden von Florian Tietgen stellt eine Besonderheit dar, da er speziell für das Medium eBook optimiert wurde. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven geschildert, am Ende jeden Kapitels kann der Leser entscheiden, an welcher Stelle er weiterlesen möchte. Es gibt immer eine Empfehlung des Autors zum Weiterlesen, der ich durchgehend gefolgt bin, was sich nicht als verkehrt erwiesen hat.

Helden erzählt von zwei Jungen, die sich im Heim kennenlernen. Jonas ist 14 und schon länger hier, seine Mutter lebt nicht mehr, sein Vater ist Alkoholiker und hat den Jungen schwer missbraucht. Darüber schweigt Jonas, stattdessen schreibt er Geschichten über Minkigrand, einen jugendlichen Helden in einer Welt, die in einem früheren Jahrhundert angesiedelt ist und in der es Magie gibt. Minkigrand als sein alter ego ist der Held, der Jonas gerne wäre.

Jan ist 13 und kommt zu Jonas ins Zimmer. Er ist dick, ängstlich und hängt mit einer zärtlichen Liebe an seinem alten, zerfledderten Stoffhasen. So gar kein typischer Held, aber genau das ist er für Jonas, denn Jan hat das Unmögliche gewagt, hat sich aus dem Leid seines Lebens befreit, indem er seinen Vater erstochen hat. Das weiß jeder im Heim, Jan muss es niemandem erzählen.

Beide Jungen sind einander gegenüber misstrauisch, öffnen sich aber nach und nach. Jonas Heldenverehrung ist für Jan unbegreiflich, er bereut seine Tat und macht seinen Gefühlen in Zeichnungen Luft, in denen aus einem kleinen, dicklichen Jungen ein Held wird, der das Unrecht in seiner Umwelt bekämpft.

Es gibt kein „Am Ende ist alles gut“, überhaupt ist das Ende der Geschichte sehr offen, aber das ist auch nicht wichtig – wichtig ist, dass zwei schwer verletzte Kinder lernen, wieder ein wenig Vertrauen und Hoffnung zu fassen. Und dass der eine vom anderen lernt, dass das Leben nicht immer leicht ist, dass aber Gewalt nie eine Lösung sein kann, allenfalls eine Verlagerung des Problems.

Sehr gut gefällt mir, dass der Autor seine eigene Stimme komplett zurücknimmt, dass er nie den moralischen Zeigefinger erhebt, sondern seine Figuren für sich sprechen lässt, ohne Pathos, ohne (Selbst-)Mitleid, aber schonungslos offen. Wenn man nach und nach erfährt, was beide Jungen erlebt haben, stockt einem zuweilen der Atem, doch die Jungen gehen sehr selbstverständlich damit um, es ist Teil ihres Lebens. Wenn Jonas seine Narben zeigt und trocken bemerkt, dass er damit wenig Schlag bei den Mädchen haben wird, dann spürt man, welche Stärke, welchen Lebenswillen ein Kind haben muss, dass derart mit seinen Verletzungen umgeht.
Zugleich geht der Autor sensibel mit seinen Helden um, nimmt sie ernst und bleibt immer glaubhaft in dem, was er erzählt und wie er es erzählt.

Fazit: Ein Buch, das nicht nur für Jugendliche absolut lesenswert ist. Und gerade die Aufteilung in Jans Perspektive, Jonas Perspektive, Minkigrands Geschichte und Mighty Jans Comic macht es zu etwas Besonderem.

Es empfiehlt sich, am Ende noch mal alle Erzählstränge für sich durchzugehen, denn während man von einem zum nächsten Schnipsel liest, kann es doch vorkommen, dass man nicht an allen Stationen Halt macht (mir fehlte am Ende die Vorgeschichte zu Minkigrand, die jedoch nicht wichtig ist zum Verständnis des Textes, trotzdem aber zum Buch gehört und natürlich auch interessant genug ist, um gelesen zu werden).

Lily Prior: La cucina siciliana oder: Rosas Erwachen

ich schreibe ja nicht nur, sondern lese auch. Manche der Bücher dürfen dann auch mit einer Rezension hier auftauchen, für alle wird mir sicher die Zeit fehlen.

Lily Prior ist Britin mit einem Faible für Sizilien, so dass ihr erster Roman unweigerlich dort spielt. Die Geschichte ist angesiedelt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei es für die Handlung fast unwichtig bleibt. Rosa wächst mit sieben älternenBrüdern und einem simasischen Zwillingspaar als einzige Tochter auf einem Bauernhof in einem kleinen Ort auf. Als ihr Geliebter vom eigenen Vater ermordet wird, weil er mit Rosa inflagranti erwischt wird, einen Tag, bevor er eine andere heiraten soll, verarbeitet sie zunächst in einer unstillbaren Wut jegliche Rohstoffe in Gerichte um, dabei werden auch Hühner und Schweine nicht verschont. Als alles nichts hilft, geht sie nach Palermo und lebt das einsame Leben einer unverheirateten Bibliothekarin und ist 25 Jahre lang damit glücklich.

Eines Tages taucht ein Engländer in der Bibliothek auf und wirbt um Einblick in seltene Bücher und um Rosa. Sie gehen einen Handel ein: Sie bringt ihm kochen bei und er zeigt ihr die Freuden körperlicher Genüsse. Doch Rosas Herkunft aus einer Familie, die la famiglia nahe steht, bringt die beiden unweigerlich wieder auseinander.

Das Buch ist stimmungsvoll geschrieben, wenngleich mir manchmal die Erotik abging – da scheiden sich sicher die Geister, aber ich will nichts von schadhaften Zähnen lesen, unmittelbar, bevor es zu einem Kuss kommt, und auch die teilweise recht deutlich beschriebene Leibesfülle der Liebenden war dem Bild in meinem Kopf nicht ganz zuträglich. Wenn man damit jedoch leben kann, ist das Buch durchaus ansprechend geschrieben und bringt einem das Leben in Italien zu einem etwas früheren Zeitpunkt näher.

Inzwischen sind drei weitere Bücher der Reihe erschienen, die ebenfalls in Italien spielen und erotische Grundthemen haben, bei denen die Menschen nicht alle perfekt schön, sondern eher normal sind, was ich – mit den kleinen Abstrichen, die ich oben erwähnt habe – insgesamt nicht schlecht finde. Allerdings werde ich wohl noch ein Weilchen warten, bevor ich den nächsten Band in Angriff nehme, der Dank BookCrossing schon bereit steht.