Rezension Dunkelsprung

Voller Freude habe ich vor ein paar Monaten entdeckt, dass Leonie Swann ein neues Buch geschrieben hat. Nachdem mir Glennkill damals sehr gut gefallen hat und ich mich ständig gefragt habe, wie man nur so genau wissen kann, wie Schafe denken, musste also auch Dunkelsprung unbedingt mit.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich es aus meinem „Mount to be Read“ gefischt habe, aber ich habe es nicht eine Sekunde lang bereut. Wer ein ähnliches Buch wie Glennkill oder auch Garou erwartet, muss sich ein wenig umstellen, aber es lohnt sich, versprochen!
Dunkelsprung spielt im London der Gegenwart, gemischt mit allerlei Phantastischem. So gibt es einen Magier, der Dinge auf der Bühne vollbringt, die nicht mal mit den besten Tricks zu erklären sind, es gibt ein Mädchen mit Hörnern, Wassernixen, einen Detektiv, der mehr ist, als er selber weiß, einen Therapeuten, der einen vergessen lassen kann, ein mysteriöses Haus auf dem Land, zwei alte Damen, von denen eine noch immer vierzehn Jahre alt ist und ein kleines grünes Tier mit einem sehr gesunden Appetit, das irgendwann gar nicht mehr so klein ist.
Und dann ist da natürlich noch der Flohzirkus, eine winzige Welt in der Welt, ein Mikrokosmos, liebevoll gehegt und gepflegt von Julius Birdwell, der mit seinen Flöhen Trinklieder singt und ihnen dabei nach und nach immer ähnlicher wird. Und während die kollektive Intelligenz immer größer wird, nabelt einer der Flöhe sich ab und entwickelt nicht nur seine eigene, individuelle Intelligenz, sondern beschließt auch, zu wachsen. Eine Art umgekehrter Oskar Matzerath, der sein Wachstum durch sein Denken beeinflusst.
Hier kommt die Kunst der Schafromane, sich in das Denken anderer Lebensformen einzufühlen, wieder zum Tragen. Herrlich schräg und unglaublich liebenswert!

Das alles verbindet Leonie Swann mit einer wunderbaren Sprache zu einem modernen Märchen, welches vor Phantasie nur so sprüht. Dabei treffen ihre Bilder und Vergleiche perfekt auf den Punkt, und selbst, wenn man glaubt, nun endgültig zwischen all den Figuren und Handlungssträngen verloren zu sein, nimmt sie einen wunderbar leicht an die Hand und zeigt einem den Weg.

Ich fühlte mich an Shakespeares Sommernachtstraum und auch an Matt Ruffs Fool on the Hill erinnert, denn auch hier entfaltet sich vor dem Leser eine Welt hinter der Welt, voller Magie und Phantasie, mit viel Liebe zum Detail und sehr viel Intelligenz und Humor geschrieben.

Eines meiner Highlights der letzten Jahre, ich empfehle unbedingt, es zu lesen!

Leonie Swann: Dunkelsprung
Goldmann, 381 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-442-31387-7

Rezension Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

Ich habe dieses Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen und mich sehr darüber gefreut. Ich kannte noch nichts von Rachel Joyce und bin entsprechend unvoreingenommen herangegangen. Der Einband gefiel mir, der Klappentext las sich spannend und so, als sei es ein Buch, das mir wirklich gefallen könne (ich sortierte es anhand des Klappentextes bei den Romanen von Jojo Moyes ein, was jedoch im Nachhinein nicht zutrifft).

Also begann ich zu lesen.

Es gibt zwei Zeitebenen, eine 1972, die in dritter Person aus Sicht des elfjährigen Byron erzählt wird, und eine 2012, ebenfalls in dritter Person aus der Sicht des erwachsenen Jim erzählt.
Inwieweit diese beiden Ebenen etwas miteinander zu tun haben, bleibt sehr lange unklar, auch wenn man als Leser Vermutungen anstellen kann, da Byrons bester Freund James heißt.

Byron und James gehören zur gehobenen Mittelschicht und gehen gemeinsam auf eine Privatschule. Während James sehr analytisch veranlagt ist, ist Byron eher ängstlich und versteht die Zusammenhänge nicht unbedingt sofort. Als James ihm beiläufig erzählt, dass dem Jahr zwei Sekunden hinzugefügt werden, damit die Zeit wieder mit der Erdrotation in Einklang ist, ist dies für Byron eine derartige Sensation, dass er wochenlang kaum an etwas anderes denken kann.
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie weit verbreitet 1972 funkgesteuerte Armbanduhren unter Kindern waren, aber genau in dem Moment, in dem Byron während einer Autofahrt mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester auf die Uhr schaut, springt der Sekundenzeiger zweimal zurück (was genau genommen eine Differenz von vier Sekunden zur vorigen Zeit ausmachen würde, aber wer will denn da kleinlich sein).
Vor lauter Aufregung wedelt er hektisch mit dem Arm vor dem Gesicht seiner Mutter herum und versucht, ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Gleichzeitig sieht er aus dem Augenwinkel ein kleines Mädchen auf einem roten Fahrrad aus einer Einfahrt in Richtung Straße fahren.
Dann gibt es einen Ruck, das Auto steht.
Und nur Byron hat den Unfall bemerkt. Weder seine Schwester noch seine Mutter sehen das kleine Mädchen, das zusammengekrümmt unter ihrem Fahrrad neben dem Beifahrersitz auf dem Gehweg liegt (ich nehme an, seine Mutter ist vor lauter Schreck über seinen Aufstand wegen der Zeit gegen den Kantstein gefahren und hat nur dies wahrgenommen).
Byron fleht seine Mutter an, schnell weiter zu fahren, und ab diesem Moment gerät seine Welt aus den Fugen, denn nun ist er für seine Mutter und ihre Unschuld verantwortlich, schafft es jedoch nicht, das Geheimnis für sich zu behalten und löst so eine Reihe von verketteten Aktionen und Tragödien aus.

Jim in der Gegenwart ist ein Mann Anfang 50, der viele Jahre seines Lebens in der Irrenanstalt in Besley Hill verbracht hat, bis diese geschlossen und er quasi zwangsresozialisiert wurde. Er leidet unter einem Haufen Zwangsstörungen, stottert und wirkt sehr einfältig. Er lebt in einem Trailer und muss komplizierte Rituale vollführen, wenn er nach Hause kommt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Tischwischer in einem Diner.

Ich habe etwa 200 der insgesamt gut 400 Seiten durchgehalten, obwohl es nicht eine Figur gab, die mir irgendwie sympathisch war. Es war mir schlichtweg egal, was mit ihnen passiert. Byron ist ein dummer, dämlicher, verwöhnter Elfjähriger, der einen Unfall verursacht und nicht nur diese Tatsache nicht sieht, sondern auch noch glaubt, er müsse seine Mutter vor was auch immer schützen, indem er den Unfall weiter verschweigt, schafft aber nicht mal das.
Jim wiederum tut mir zwar ein wenig Leid, aber letztlich ist auch er so distanziert beschrieben, dass er jeder x-beliebige geistig Zurückgebliebene sein könnte.
Etwa nach 150 Seiten war ich mir recht sicher, die Verbindung zwischen den beiden erkannt zu haben, und als ich bei Seite 200 angekommen war und der Roman noch immer unsäglich anstrengend und nichts sagend dahinplätscherte – selbst Byrons Eltern sind Stereotype der damaligen Zeit, auch wenn Diana zumindest ein wenig versucht, aus dem gesellschaftlichen Korsett auszubrechen -, habe ich etwas getan, was ich selten mache: Ich habe entschieden, die Lektüre abzubrechen und nur noch zu prüfen, ob meine Vermutung stimmt. Und siehe da: Ich hatte Recht.

Da ich die Pointe nicht verderben will (es mag ja Menschen geben, die mit dem Buch deutlich besser zurechtkommen als ich und es gerne lesen), werde ich nicht weiter darauf eingehen. Ich bin aber sicher, dass ich anhand der Amazon-Rezensionen (vor allem anhand der ein-Stern-Bewertungen) alle „Höhepunkte“ des Romans, die quasi noch vor mir gelegen hätten, bereits kenne, und für diese lohnt es sich nicht, sich weitere 200 Seiten zu quälen.

Schade, es war ein vielversprechendes Buch, und inzwischen weiß ich, dass der Erstling der Autorin durchaus hoch gelobt wurde, so dass ich ihr als Autorin wohl noch eine Chance geben werde. Sollte mir das Buch dann auch nicht gefallen, dann passen ihr Stil und meine Erwartungen einfach nicht zusammen.

Rachel Joyce: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte
Fischer Taschenbuch
ISBN-13: 978-3596195374

Rezension Eine Handvoll Worte von Jojo Moyes

Ich habe im letzten Sommer bereits „ein ganzes halbes Jahr“ der Autorin gelesen und war positiv überrascht. Als ich im Herbst einen Bekannten in Erfurt besucht habe, fiel mir beim gemeinsamen Überfall einer Buchhandlung „Eine Handvoll Worte“ in die Finger, und ich musste es mitnehmen. Da mein Stapel ungelesener Bücher (SuB) nicht gerade klein ist, hat es nun eine ganze Weile gedauert, bis ich es gelesen habe.
Und es hat sich gelohnt.

Ellie ist Redakteurin der renommierten Zeitung Nation. Sie ist jung, erfolgreich, sexy – und hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Eines Tages fallen ihr durch Zufall zwei Briefe aus den 60ern in die Finger, die ihr Interesse wecken. Es scheint um eine ungewöhnliche Liebe zu gehen, und sie versucht, das Geheimnis dahinter zu lüften.

Jennifer Stirling ist Anfang der 60er eine junge Frau Ende 20, attraktiv, reich verheiratet und glücklich – bis sie auf Anthony „Boot“ O’Hare trifft, der ihre kleine heile Welt ins Wanken bringt und Gefühle in ihr weckt, die sie nicht für möglich hielt.
Und dann bringt ein Autounfall alles zu einem jähen Ende, und Jennifer muss mit dem Wissen leben, dass Boot und sie keine Zukunft haben.

Die Art und Weise, wie diese beiden Geschichten verknüoft sind, hat mir sehr gut gefallen. Den Anfang macht Ellie, und dann wird über einen langen Zeitraum Jennifers Geschichte erzählt, ab dem Unfall, dann in Rückblicken die Zeit mit Boot, und dann mit einem Sprung ein paar Jahre in die Zukunft.

Zurück in der Gegenwart sitzt Ellie, die glaubt, in dem verheirateten John die ganz große Liebe gefunden zu haben und sich mit aller Macht daran klammert, obwohl sie sich selber nur nicht eingestehen mag, dass sie nicht glücklich ist. Vielleicht ist sie deshalb so sehr an Jennifers Geschichte interessiert, dass sie versucht, nach all den Jahren die beiden tragischen Liebenden ausfindig zu machen, ohne zu wissen, ob diese überhaupt noch am Leben sind.

Immer, wenn man glaubt, dass man nun verstanden hat, wie alles zusammen hängt, überrascht die Autorin einen mit einer neuen unerwarteten Wendung, und doch gibt sie einem genug Futter, dass man auch immer mal wieder „wusste ich es doch!“ ausrufen kann.
Die Liebesgeschichte von Jennifer und Boot entwickelt sich langsam, fast zögerlich, aber man nimmt sie den beiden zu jeder Zeit ab. Und wie schon im ersten Roman der Autorin ist auch hier nicht alles geradlinig auf ein Happy End ausgerichtet. Am Ende ist alles gut, wie es ist, aber nicht unbedingt so, wie man sich das alles ausgemalt hat. Man leidet, fiebert, liebt und freut sich mit den Protagonisten, und ich konnte zum Ende hin das buch nicht mehr aus der Hand legen, bis ich endlich alle Fäden in der Hand hielt und wusste, was nun Sache ist.

Fazit: Wunderbares Popcornkino zum Lesen und Wegträumen. Und weniger kitschig, als man es vielleicht befürchtet, dafür herzerfrischend romantisch. Dass man ganz nebenbei eine Menge über die gesellschaftlichen Zwänge der 60er, über die Minenarbeiten in Afrika und über die Vertuschungen im Bereich Asbest erfährt, rundet den Roman wunderbar ab.

Sehr gerne gelesen, ohne jede ernsthafte Kritik. 5 von 5 Sternen.

Rezension Phoenix – Tochter der Asche von Ann-Kathrin Karschnick

Das Buch habe ich vom Verlag als Rezensionsexemplar bekommen, man konnte sich per Mail bewerben, zehn Exemplare wurden als ebooks verteilt.

Da ich zuhause lieber physische Bücher in der Hand halte und das Cover eh so wunderschön finde, dass ich es mir gerne auch einfach mal so im Bücherregal anschauen möchte, habe ich € 10,00 aus eigener Tasche draufgelegt und mir die Taschenbuchausgabe zugelegt.

Fangen wir mal bei den Äußerlichkeiten an: Das Cover ist wunderschön gestaltet, sehr atmosphärisch und perfekt zum Inhalt des Buches passend – das klingt selbstverständlich? Ist es aber nicht. Ich habe schon Bücher gesehen, bei denen ich mich nach dem Lesen wirklich gefragt habe, wie Cover und Inhalt zusammen passen sollen.

Toll finde ich auch die Feder auf dem Buchschnitt, wahlweise in schwarz oder orange. Da ich mein Buch online bestellt habe, musste ich mich überraschen lassen und bekam eine schwarze Feder. Passt. 😉

Der Klappentext eine Mordserie in einem alternativen Hamburg. In dieser Welt gab es im Jahre 1913 ein fehlgeschlagenes Experiment, mehrere Kriege mit Amerika und den Wiederaufbau Europas durch die Saiwalo, eine Art überirdischer Wesen, die die Menschheit seit nun 120 Jahren regieren. Zudem war nicht Edison, sondern Tesla marktführend, was der Entwicklung der Technik eine deutlich andere Wendung gab als wir sie kennen.

Das alles klingt spannend und ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut!

Es beginnt auch gleich in medias res, Tavi, eine Phoenix, wie man schnell erfährt, ist auf der Flucht, und es gelingt ihr nur mit Mühe, die Drohnen, die sie verfolgen, abzuschütteln.
Tavi lebt mit ihrem Schützling Nathan zurückgezogen und gut verborgen vor den Saiwalo, die sie jagen und ihrer Habhaft werden wollen.

Auf der anderen Seite steht Leon, ein treuer Anhänger der Saiwalo und Mitarbeiter der Kontinentalarmee, der die Mordserie aufklären soll und dabei irgendwann unweigerlich auf Tavi stößt, die wiederum in diese Morde verstrickt ist. Er hält sie für die Mörderin, sie sieht in ihm vor allem den treuen Anhänger der Saiwalo. Dennoch müssen sie zusammenarbeiten, um den Mörder zu finden.

Was wirklich spannend klingt und eine tolle Hintergrundwelt bietet, ist leider, leider, in meinen Augen nur mäßig umgesetzt. Die Figuren bleiben blass, ich kann mich nicht recht in sie hineinversetzen, eine der Nebenfiguren verschwindet nach ca. 150 Seiten für den Rest des Buches und hat auch keine weitere Bedeutung mehr, eine andere stirbt, ohne dass es mich wirklich berührt hätte, obwohl diese Figur noch zu denen gehörte, die mir etwas näher standen – kurz: Die Idee ist brillant, die Umsetzung leider nicht.

Aber woran liegt es? Fangen wir mit den Formalia an:
Ich habe mir (leider erst) nach 100 Seiten einen Bleistift genommen und Randnotizen gemacht. Zunächst vor allem, weil ich entsetzt über das wirklich schlechte Lektorat und Korrektorat war – Kommafehler, die sich konsequent durch das ganze Buch ziehen und hätten bemerkt werden müssen, Satzteilleichen, die nach dem Umstellen eines Satzes übrig geblieben sind, Bezugsfehler, grammatikalische Blüten, aber auch ganz normale Tippfehler, wie sie in jedem Manuskript auftauchen (weshalb Verlage Korrektoren einsetzen), all das ist ärgerlich und geht eindeutig zu Lasten des Verlages.

Aber das alleine hätte mir das Buch nicht wirklich madig gemacht. Also schaue ich weiter, was mich gestört hat:
Immer wieder entspinnen sich Dialoge, die geradezu mutwillig von der Autorin nicht beendet werden, sondern die in Missverständnissen, Wut und Misstrauen enden. Leider aber nicht, weil die Figuren authentisch handeln, sondern vielmehr, weil die Autorin etwas andeuten, aber noch nicht aufklären wollte. Und man merkt es sehr deutlich. Das größte Missverständnis zwischen den beiden entsteht, weil er etwas bereut und sie wütend reagiert. Dabei haben sie kurz zuvor noch genau darüber gesprochen, und auch ein Mensch, der noch keine 2000 Jahre lebt, hätte den Bezug gefunden – ich als Leserin hatte ihn sofort und habe völlig irritiert reagiert, als sie weder darauf kommt, was ihn abgeschreckt hat, noch er in der Lage ist, es zu erklären. Stattdessen stammelt er sinnloses Zeug und sie zieht wütend ab.

Genau das ist ein riesengroßes Manko des Buches: Immer, wenn es spannend wird, zieht sich die Autorin aus der Affäre. Es gibt Andeutungen, aber keine Klärung. Sehr viele Dialoge verlaufen nach dem Schema A fragt etwas, B gibt eine unpassende Antwort, A nimmt es einfach hin, anstatt nachzuhaken. Das funktioniert in beide Richtungen und macht mich kribbelig, weil ich nicht so funktioniere und die meisten Menschen in meiner Umgebung auch nicht. Wenn ich auf die Frage nach der Uhrzeit mit „Mittwoch“ antworte, sagen meine Freunde in den seltensten Fällen „okay“, sondern fragen, ob ich bitte mal die Frage korrekt beantworten könne.

Generell sind die Dialoge oft so geschrieben, dass ich überlege, ob jemals Menschen so sprechen. Laut vorgelesen lautete die Antwort oftmals: Nein.

Die Nebenfigur, die eh irgendwann nicht mehr auftaucht, hat ein weiteres Manko: sie ist zu jung. Es handelt sich um Leons Kollegen, der recht früh im Text als Siebzehnjähriger beschrieben wird. In meiner Welt ist er damit noch ein Azubi, in dieser anscheinend nicht, Okay, das kann ich gerade so gelten lassen, aber die Art und Weise, wie er spricht und handelt, lässt eher auf einen jungen Mann Anfang 20 schließen, der wiederum ziemlich kindisch ist. Ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum er so seltsam gezeichnet wird, bin aber zu keinem Ergebnis gekommen.

Während Tavi wenigstens noch recht stringent in ihrer Handlung dargestellt wird, ist Leon ein Spielball der Umstände. Auf der einen Seite ein ach so treuer Kontinentalarmeeler, auf der anderen Seite aber auch an Tavi so weit interessiert, dass er sich auf ihre Bedingungen einlässt. So weit, so gut. Aber ich nehme ihm weder die Gesetzestreue ab noch die Gefühle für Tavi. Es wird mir erzählt, aber nicht vorgelebt. Leon begeht einen riesigen Verrat, den Tavi ihm geradezu mit einem Schulterzucken verzeiht. Er plant es die ganze Zeit, er freut sich diebisch über seinen bevorstehenden Fang, und gleichzeitig mag er Tavi und fühlt sich zu ihr hingezogen. Was wunderbaren Stoff für innere Konflikte geboten hätte, wird leider einfach sinnlos verheizt.

Und Katharina, die Seherin / Hexe, sieht nur das Gute in Leon und erkennt nicht, mit welchen Absichten er wirklich unterwegs ist? Tut mir Leid, auch hier hakt es an allen Ecken und Enden.

Ich habe mich mehrfach gefragt, ob ich überhaupt wissen will, wie es ausgeht. Die letzten 30, 40 Seiten habe ich tatsächlich mit etwas mehr Begeisterung gelesen, weil es im Showdown dann doch recht spannend wurde, aber auch hier fehlten mir zum einen Emotionen und zum anderen die „Kamera auf der Schulter“, die einen mitten ins Geschehen führt. Kurzfristig ist sie da, zeigt mir die Kämpfe auf Leben und Tod, um dann gleich wieder rauszuzoomen und mir nur einen groben Überblick zu verschaffen.

Dann kommen oft Sätze vor, die einfach Tatsachen beschreiben. „Es war ein nackter Fuß. Der Mensch trug keine Schuhe.“ Da habe ich an den Rand gekritzelt, dass das eine das andere bedingt. Es ist redundant, ein weißer Schimmel, als Lektor hätte ich eine der beiden Formulierungen gnadenlos gestrichen.

Oder es wird davon berichtet, dass Dinge in Vergessenheit geraten sind – wie kann man dann von ihnen wissen? Auch die Perspektive ist nicht immer stimmig. Zwar wechseln Leon und Tavi sich mit der Persoektive ab, doch ist nie ganz klar, ob diese nun auktorial oder personal ist – und oft genug passiert der Fehler, dass Tavi „weiß“, was in Leon vorgeht und umgekehrt. Das ist ein Bruch in der Perspektive. Sie darf mutmaßen, sie darf anhand seiner Reaktionen darauf tippen, was er denkt und fühlt, aber ein Satz wie „Leon spürte Wut in sich aufsteigen“ (der nicht wortwörtlich auftaucht, es ist ein Beispiel für einige dieser Patzer) kann nicht in einem Abschnitt stehen, der aus Tavis Sicht verfasst ist.

Mir tut es in der Seele weh, dieses Buch zu verreißen, weil ich der Autorin eine gute Rezension von Herzen gegönnt hätte, zumal sie mit Herzblut und sehr viel Liebe geschrieben hat (ich weiß es, da ich sie kenne), aber ich mag nicht unehrlich sein. Und keine Rezension zu schreiben, wenn man ein Rezensionsexemplar erhalten hat, käme mir auch falsch vor.

Für die Idee an sich, für die alternative Welt, die sie erschaffen hat, und für manche Szenen, die mir (auch wenn es bisher nicht so klang) gut gefallen haben, vergebe ich zweieinhalb von fünf Sternen. Da ich aber das Buch als Gesamtheit bewerten muss, kommen noch zwei für das tolle Cover hinzu, deutlicher Abzug aber für Lektorat und Korrektorat, die kaum vorhanden waren.
Um es klarzustellen: Es handelt sich nicht um einen Tippfehler hier und da. Ich habe im Schnitt auf jeder dritten Seite einen Fehler gefunden. Und das ist eindeutig deutlich über der Toleranzgrenze.

Alles in allem also zwei Sterne. Und der gut gemeinte Rat an den Verlag, sich ein vernünftiges Lektorat zuzulegen. Denn dieser Roman hat so viel Potential, das verschenkt wurde, dass ich nur hoffen kann, dass im zweiten Band einiges besser gemacht wird.

Ann-Kathrin Karschnick: Phoenix – Tochter der Asche
papierverzierer Essen, 2013
€ 14,95 (TB) / € 4,99 (ebook)

Rezension Im Sog der Gefahr von Toni Anderson

Das Buch kam durch einen glücklichen Umstand zu mir: Meine Schriftstellerkollegin Cornelia Röser, die sich inzwischen auch als Übersetzerin einen Namen gemacht hat, fragte, ob ich ihr mit ein paar Tauchvokabeln behilflich sein könne. Natürlich konnte und wollte ich, und so hatte ich vor ein paar Wochen plötzlich und unerwartet ein Belegexemplar im Briefkasten mit einer sehr lieben Widmung. 🙂

Nun bin ich ja bekennende Erotik-Leserin und mache mich immer wieder gerne über Romantasy her. In diesem Fall keine Fantasy, sondern Romantic Thrill, also ein Krimi mit romantisch-erotischen Zügen.

Der Roman spielt auf Vancouver Island, wo ich vor 14 Jahren einen Teil meines Sommerurlaubs in Kanada verbrachte, und es war wunderschön, Ortsnamen zu lesen, die mir etwas sagten und die Bilder in meinem Kopf noch lebendiger gestalten zu können als sonst beim Lesen.

Die Story ist schnell erzählt: Die junge Polizistin Holly Rudd wird nach Bamfield gerufen, als der dort ansässige Tauchlehrer Finn Carver bei einem Tauchgang zu einem bisher unbekannten Wrack gemeinsam mit seinem Ziehvater eine Leiche entdeckt. Holly fühlt sich zu Finn hingezogen, dieser sich auch zu ihr – und anders als erwartet dauert es eine ganze Weile, bis sie sich das auch eingestehen, was mir den Lesegenuss definitiv erhöht hat!
Holly stößt im Ort auf Ablehnung und verschlossene Türen, und auf ein Geheimnis, das ihr Leben gehörig auf den Kopf stellt.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, habe manches schon sehr früh geahnt, aber dennoch 30 Seiten vor Schluss gerätselt, wie all die losen Fäden am Ende sinnvoll gebündelt werden sollen, und ich wurde nicht enttäuscht: Nicht nur die Liebesgeschichte ist glaubwürdig aufgebaut, sondern auch der Kriminalfall überzeugt. Nicht alle Figuren sind super plastisch ausgefeilt, der ortsansässige Bösewicht ist nah am Klischee und auch ein, zwei anderen Randfiguren fehlt es ein wenig an Tiefe, aber die Hauptfiguren haben mir gefallen, sie wirkten glaubwürdig und echt.

Als Taucherin lese ich natürlich doppelt kritisch, wenn es ums Tauchen geht. Nicht alles ist völlig überzeugend, aber man merkt, dass die Autorin Ahnung von Fach hat und für die kleinen Unschärfen (niemand, der bei Verstand ist, nimmt eine blutige Anfängerin mit auf einen Dekotauchgang in ein Wrack!) hat sie zumindest im Text plausible Erklärungen. Ich würde dem unwissenden Leser gerne ein „don’t try this at home“ in eine Fußnote schreiben, gehe aber mal davon aus, dass gesunder Menschenverstand durchaus noch nicht ausgestorben ist.
Und dass die blutige Anfängerin in aller Seelenruhe und anscheinend perfekt tariert Fotos vom Toten macht – nun ja, das ist entweder dichterische Freiheit oder einer der tausend Ausnahmetaucher, die auf Anhieb wissen, wie man tariert, ohne den Grund aufzuwirbeln. 😉

Und weil ja auch immer vieles an der Übersetzung hängt, möchte ich auch hierzu ein paar Sätze loswerden: Ich habe das englische Original nicht gelesen und kann daher die Übersetzung nur anhand ihrer selbst beurteilen, aber die hat mich überzeugt. Atmosphärisch dicht, teils poetisch, nie kitschig und mit einem guten Gefühl für Feinheiten. Auch die unterschiedlichen Menschen kommen durch ihre Sprache in ihrer eigenen Art zu Wort.
Gerade die erotischen Szenen sind mit gutem Fingerspitzengefühl übersetzt und kommen weder tumb noch lächerlich rüber, was man ja leider manchmal in Übersetzungen findet, weil der deutschen Sprache einfach die positiv konnotierten Synonyme für Geschlechtsorgane ausgehen.

Gerne gelesen, und auch wenn es eher ein Buch für „zwischendurch“ ist, bekommt es von mir vier von fünf möglichen Punkten.

Rezension Nullzeit

Juli Zeh war mir schon länger ein Begriff, allerdings hatte ich noch nichts von ihr gelesen.
Im Dezember erzählte mir jemand von Nullzeit, in der tauchen wurde darüber berichtet und immer wieder begegnete mir das Buch in der Buchhandlung, so dass ich es schließlich mitgenommen habe, als ich gerade ein bisschen Zeit hatte, durch Hamburg zu schlendern.

Die Sprache ist klar und knapp, kein Wort zu viel – und doch erschafft Juli Zeh mit diesem Minimalismus ganze Welten. Wenige Worte malen umfangreiche Bilder in meinem Kopf, so dass ich immer mal wieder beim Lesen innehalten muss, um sie auf mich wirken zu lassen.
Die Geschichte lässt sich knapp zusammenfassen: Sven ist vor 14 Jahren nach Lanzarote ausgewandert und hat dort gemeinsam mit Antje eine Tauchschule gegründet. Klein und fein ist sie, selten haben sie mehr als zwei, drei Gäste gleichzeitig. Während Sven sich ums Tauchen kümmert, ist Antje für alles Administrative zuständig, und auch, wenn es nicht die große Liebe ist, so haben sie doch ein gemeinsames Leben, in dem sie sich eingerichtet haben.

Bis Jola und Theo auf die Insel kommen. Jola ist Schauspielerin in einer Telenovela und will endlich eine ernstzunehmende Rolle, Theo ist Schriftsteller, der einen einzigen großen Roman veröffentlicht hat und seitdem an einer Schaffenskrise leidet. Jola will die Rolle der Lotte Hass, dafür muss sie tauchen können. Sven soll ihr und Theo in 14 Tagen alles beibringen, dazu noch rund um die Uhr als Fremdenführer bereitstehen. Als Gage bekommt er € 14.000.

Zunächst wirkt das Pärchen etwas exzentrisch und verschroben, ihre Beziehung ist von einer Hassliebe geleitet, die einem hin und wieder den Atem stocken lässt. Sven berichtet, was er erlebt, Jola schreibt Tagebuch, beides ist von der Autorin meisterhaft miteinander verwoben. Sven und Jola kommen sich näher, er bricht mit all seinen eigenen Regeln, nach und nach weichen ihm Freunde und Bekannte aus, doch er steigert sich immer mehr in die Hoffnung, Jola dazu zu bewegen, auf der Insel zu bleiben.

Während anfangs seine und ihre Sichtweise deckungsgleich sind, weichen sie im Laufe des Romans immer weiter voneinander ab, und der Leser fragt sich zunehmend, ob seine Sympathie für Sven denn wirklich richtig ist, ob nicht doch Jola diejenige sein könnte, deren Bericht der Wahrheit entspricht. Am Ende bricht alles auf eine Art und Weise zusammen, die man vielleicht kommen sah und die einem doch den Atem stocken lässt, und ich habe eine Weile einfach nichts getan und das Buch nachwirken lassen, als ich die letzte Seite hinter mir hatte.

Alles, was mit dem Tauchen zu tun hat, ist von Juli Zeh sehr gut recherchiert, was mich natürlich besonders freut, da es bereits genug schlecht recherchierte Romane auf dieser Welt gibt.

Alles in allem ein Buch, das mir tief unter die Haut gegangen ist und das ich mit Sicherheit noch einmal lesen werde, dann noch mehr auf die Feinheiten und die Unterschwelligen Andeutungen achtend.

Definitiv empfehlenswert!

Juli Zeh: Nullzeit
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-436-1
€ 19,95, gebunden

Rezension Die Insel der besonderen Kinder

Das Buch wurde mir von einer Bekannten empfohlen, die es mit ihren Schülern gelesen hat. Da wir einen ähnlichen Geschmack haben, was Bücher angeht, habe ich es mir gekauft.

Die Geschichte wurde um eine reihe alter Fotografien gewoben, was eine wunderbare Idee ist (ich denke da nur an Walter Moers, der mit „Wilde Reise durch die Nacht“ den Kupferstichen von Gustave Doré ein neues Leben eingehaucht hat).
Jacob ist ein recht normaler Teenager im heutigen Amerika. Er ist nicht besonders beliebt, hat einen guten Freund, der ihn notfalls auch mal mit körperlicher Gewalt vor den Mitschülern beschützt und einen Großvater, der in jungen Jahren aus Europa eingewandert ist. Dieser erzählt ihm Geschichten aus seiner Jugend, aus dem Krieg und von dem Kinderheim, in dem er einen Teil des Krieges verbrachte und wo er glücklich war.
Die wenigen Fotos, die er aus der Zeit gerettet hat, sehen für Jacob mit zunehmendem Alter immer mehr nach Montagen aus. Da ist ein schwebendes Mädchen, ein Junge, der einen Felsbrocken hebt und ein gänzlich Unsichtbarer, den man nur anhand seiner Kleidung sehen kann. Jacobs Großvater Abe erzählt von diesen Kindern, als sei das alles real, und während Jacob als Kind noch gebannt an seinen Lippen hängt, wirft er als Sechzehnjähriger dem Großvater vor, sich das alles nur ausgedacht zu haben. Auch die Monster, vor denen der Großvater ihn warnt und um derentwillen er einen ganzen Schrank voller Waffen hat, entspringen Jacobs Ansicht nach nur der Phantasie des alten Mannes.
Als sein Großvater anruft und dringend um den Schlüssel für den Waffenschrank bittet, lügt Jacob und sagt, er wisse nicht, wo dieser sich befinde. Schließlich fährt er zum Haus seines Großvaters und findet ihn verletzt und sterbend im Wald, aus dem Augenwinkel sieht er ein schreckliches Wesen, das sich entfernt.

Von nun an muss Jacob sich mit einem Psychiater herumschlagen, der ihm helfen soll, das Trauma zu verarbeiten. Doch auch die seltsamen letzten Worte seines Großvaters gehen ihm nicht aus dem Kopf, und schließlich macht er sich mit seinem Vater auf, das Kinderheim zu finden, in dem sein Großvater vor sechzig Jahren untergebracht war.
Sie finden eine kleine irische Insel, skurrile Menschen und Jacob landet schließlich in der verfallenen Ruine, die einst voller Kinderlachen gewesen sein muss. Ein Koffer zieht seine Aufmerksamkeit auf sich, doch das Schloss ist als und verrostet. Seine Idee, den Koffer die Treppe herunterzuwerfen, um ihn zu öffnen, endet damit, dass der Koffer mit solcher Wucht im Erdgeschoss aufschlägt, dass er ein Loch in den morschen Boden reißt und im Keller zerplatzt.
Jacob traut sich hinab, udn während er im Dunklen nach dem Inhalt tastet und weitere Bilder findet, tauchen über ihm Kinder auf und fragen, ob er Abe sei, der zurückgekehrt ist. Jacob folgt den Kindern, die vor ihm fliehen, und muss erkennen, dass nichts gelogen war von dem, was sein Großvater erzählte. Er folgt den Kindern in den Sommer 1940, wo sie immer und immer wieder den gleichen Tag erleben – als einzige jedoch in fortlaufender Folge, so dass sie sich an die Tage erinnern können und jeden Tag aufs Neue frei sind, das zu tun, wonach ihnen ist.

Jacob wird zunächst misstrauisch beäugt und dann zunehmend in die Gemeinschaft integriert, doch er will sein Leben und seine Eltern nicht vollständig zurücklassen. Was er jedoch nach und nach über die Welt dieser Kinder erfährt, die alle eine besondere Begabung haben und sich daher vor den Menschen ohne diese Begabungen verstecken, lässt ihn immer enger mit deren Welt verschmelzen. Und dann müssen sie gemeinsam gegen die Monster kämpfen, die den Kindern nach dem Leben trachten, und Jacob muss sich entscheiden, wohin er gehört …

Das Buch ist spannend, wunderbar geschrieben und rankt sich wunderbar um die alten Fotografien. Allein das Ende hat mich etwas enttäuscht, denn es wirkt, als habe der Autor keine Lust mehr gehabt und wolle schnell fertig werden. Auch im Kampf gegen die Monster, die Hollowgasts, stellen die Kinder sich teilweise schlechter an als sie könnten – wenn vier besondere Begabungen zusammenkommen und darunter eine „übermenschliche Kraft“ lautet, dann sollten die Kinder nicht panisch davonlaufen, sondern tun, was sie aussprechen: Dem Monster die Zähne einschlagen und es fertigmachen.

Am Ende ist so vieles offen, dass ich davon ausgehe, dass der Autor eine Fortsetzung geplant hat. Auf der einen Seite finde ich das gut, weil ich einfach wissen will, wie es mit Jacob, Emma, Millard, Miss Peregrine und all den anderen weitergeht, auf der anderen Seite wünsche ich mir auch einfach mal wieder Bücher, die in sich abgeschlossen sind. Derzeit scheint eine Trilogie-Seuche zu grassieren, und wenigstens eine Fortsetzung ist inzwischen Standard.

Alles in allem bekommt das Buch von mir acht von Zehn Sternen und ich empfehle es gerne weiter.

Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder (Original: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children)
Pan Verlag, 2011 (Knaur-Gruppe)
ISBN: 978-3-426-28368-4
410 Seiten, gebunden

Rezension Das Mädchen mit den gläsernen Füßen

Ich gebe es zu: Die Amazon-Rezensionen haben mich neugierig gemacht, und zwar vor allem die negativen.

Worum geht es?
Ida hat ihren Sommerurlaub auf St. Haudas Land verbracht, einem kleinen Insel-Archipel, dessen Lage nicht näher beschrieben wird und der sich klimatisch und von der Namensgebung seiner Orte her irgendwo zwischen Großbritannien und Norwegen befinden dürfte. Kurz: Die Inseln sind fiktiv.
Als Ida wieder auf dem Festland ist, bemerkt sie eine Veränderung an sich: Schleichend werden ihre Füße zu Glas. Es beginnt mit einem Splitter, der sich nach dem Joggen nicht aus dem Fuß ziehen lässt, und es wird mehr. Immer mehr. Ida ist sich sicher, dass St. Haudas Land die Antwort zu diesem Rätsel und auch ein Heilmittel bereithält, und so reist sie mitten im Winter zurück. Inzwischen geht sie schwerfällig, benutzt eine Krücke und trägt überdimensionale Stiefel, um ihre empfindlichen Füßen mit ausreichend vielen Socken schützen zu können.

Sie lebt bei Carl im Haus, der vor vielen Jahren in ihre Mutter verliebt war und nicht den Mut hatte, Freya für sich zu gewinnen. Im Blumenladen begegnet sie Midas, dem schüchternen und ein wenig verschrobenen Fotografen, der ihr Herz erobert ohne selber zu wissen, wie es dazu kommen konnte. Und sie macht sich auf die Suche nach Henry Fuwa, den Mann, der im Sommer auf der Straße stürzte und ihr von den Ochsenmotten erzählte, einem Geheimnis der Natur der Inseln, welches er hütet. Im Sommer glaubte sie ihm nicht, nun glaubt sie, dass er ihr helfen könne.

Während Carl versucht, alles von ihr fernzuhalten, was ihr schaden könne und seinerseits nach einer Lösung des Problems sucht, ist Midas zunächst mit seiner Rolle völlig überfordert und wächst nach und nach in diese hinein.

Das Buch lebt vor allem von seinen wunderbaren Beschreibungen und geradezu märchenhaften Einfällen. Abgesehen von den Ochsenmotten, winzigen geflügelten Kühen, und der seltsamen Krankheit, die Menschen zu Glas erstarren lässt, gibt es noch das Tier, dessen Blick alles zu Weiß werden lässt und Quallen, deren Gift lähmt und die in Schwärmen zum Sterben in die Buchten der Inseln kommen, wobei sie zu Licht zerfallen.

Nicht alle Fäden der Geschichte laufen am Ende zusammen und nicht alle Geheimnisse werden gelüftet, und doch ist das Buch in sich rund. Es hat eine märchenhafte und melancholische Grundstimmung, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat, und auch die Sprache ist wunderbar verspielt und einem Märchen angemessen.

Manche Fragen hätte ich gerne noch geklärt, das Ende ist nicht unbedingt als happy end zu bezeichnen, und die Frage meiner Mutter, als ich ihr von dem Buch erzählte, „welche Botschaft steckt denn nun dahinter? Warum wird Ida zu Glas?“, kann ich nicht wirklich beantworten. Es geht um Liebe in all ihren Facetten, um Verlust und verpasste Chancen, um Hoffnung und um Schicksal – vor allem aber geht es darum, dass das Leben sich nicht lenken lässt, sondern einfach passiert, wie es ist.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und werde das sicher noch einmal tun.
Und weil es so besonders ist, möchte ich auch das äußere Erscheinungsbild hervorheben: Das Cover ist in weiß, hellblau und silber gehalten, es gibt Hochglanz-Vorhebungen und die Natur von St. Hauas Land spiegelt sich in der filigranen Zeichnung wider. Und die Beschnittkante ist silbern, was dem Buch einen sehr edlen Anstrich gibt. Auch das Lesebändchen ist silbern.

Die Fakten:
Ali Shaw: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen
script5, 2012
398 Seiten, gebunden
€ 19,95
ISBN: 978-3-8390-0131-8

Rezension Lara Adrian: Geliebte der Nacht

Ich gestehe, dass ich hin und wieder Schund lese. Die Gestaltwandler-Reihe von Nalini Singh habe ich verschlungen, genauso die bisher erschienenen Bänder ihrer Engel-Reihe.
So kam ich dann bei einer Freundin an die Vampirbücher (Midnight Breed-Reihe) von Lara Adrian und habe mir – weil die Freundin recht weit weg wohnt und ich nicht eines ihrer Bücher entführen wollte – den ersten Band auf meinen Kindle geladen.

Tja. Was soll ich sagen? Ich habe es tapfer bis zum Ende gelesen, das muss wohl an meiner Neugier liegen. Die Sprache ist grottig, was natürlich auch an der Übersetzung liegen kann, aber mit Sicherheit nicht alleine. Wobei manches eben doch: Dass im Deutschen noch immer wahllos ein „Sie“ gesetzt wird, wenn im amerikanischen Originaltext „you“ steht, stört mich häufiger mal – man kann nämlich sehr gut aus dem Kontext ableiten, wie die Personen sich wohl bei uns anreden würden. Und ganz ehrlich: Wenn ich gerade die Frauen der Stammesgefährten meines Lovers kennenlerne und eine davon zumindest optisch gerade mal 18 ist, dann sieze ich sie nicht – würde ich ja auch nicht machen, wenn mein Freund mich seinen Kumpels und deren Freundinnen vorstellt, auch wenn wir lange nicht mehr 18 sind!
Sätze, deren Ende nicht zum Anfang passen, zeugen auch von schlechter Übersetzung, und wenn ich mir ansehe, dass das Buch in den USA nur wenige Monate vor der deutschen Ausgabe erschienen ist, dann macht das auch Sinn, denn für die Übersetzung blieb einfach viel zu wenig Zeit, so dass sie mit der heißen Nadel gestrickt wurde.

Gut, kommen wir zurück zum Inhalt. Gabrielle, 27, jung, schön, introvertiert und aufstrebende Fotografin, hat eine kleine Handvoll guter Freunde, geht mit diesen feiern und nimmt als einzige den Überfall auf einen jungen Mann durch Vampire wahr. Als sie mit ihrem Handy Fotos davon macht, ist das eigentlich recht schlau, doch bei der Polizei will ihr keiner glauben.
Bis der wahnsinnig gut aussehende Polizist Lucan Thorne auftaucht, ihr Handy mitnimmt (in Zeiten moderner Technik hätte ich persönlich ihm die Bilder auf einen Stick gezogen, der in diesem Roman dank der Übersetzerin übrigens permanent als Datenstift bezeichnet wird – mein Handy gehört mir, das bekommt keiner!) und die Bilder auswertet. Und sich gar nicht als Polizist, sondern als Vampir entpuppt. Und als extrem heißer, unermüdlicher Lover mit einer Dauererektion, die in einer Amazon-Rezension mit einer 1,5l-PET-Flasche verglichen wurde. Check – ja, die Beschreibungen lassen so etwas vermuten. Aua.

Die erste Sexszene der beiden fand ich noch ganz nett, der Rest war dann nur noch müder Abklatsch. sie wird geil, er wird geil, er beißt sie nicht, weil das gegen irgendeinen verdammten Kodex bei ihm geht, dafür fickt er sie hart und verpasst ihr diverse Orgasmen. Und am Ende verschwindet er wie ein Schatten in der Nacht und ist ganz schrecklich entsetzt, weil er das doch gar nicht tun wollte. Yeah.

Okay, die Vampire stammen also aus dem Weltall (ich habe gerade allen Ernstes „die Aliens stammen aus dem Weltall“ geschrieben. Nicht falsch, aber irgendwie passte es gerade nicht). Nette Idee, so an und für sich, nur dass ich die Erklärungen ziemlich an den Haaren herbeigezogen finde.
Listen wir mal auf:
1) Vor ca 1000 Jahren ist ein Raumschiff auf die Erde gestürzt. Die acht enthaltenen Aliens sind alles Männer, und sie können zwar problemlos unsere Atmosphäre atmen und scheinen auch zufällig fast die gleiche Physiognomie wie die Menschen aufzuweisen, aber leider, leider, ist nichts auf diesem Planeten für sie genießbar, außer menschlichem Blut.
Da frage ich mich doch, wie sie das herausgefunden haben und ob sie alle bis zu dieser Erkenntnis überlebt haben.
2) Die Aliens haben alle einen Gendefekt und können nur noch männliche Nachkommen zeugen. Äh, okay, und seit wann gibt es den Gendefekt? Wodurch ist er aufgetreten? Und wie, um alles in der Welt, gibt man einen Gendefekt weiter, wenn man sich nicht mehr fortpflanzen kann?!
3) O Wunder, es gibt Rettung: Aus nicht näher erklärten Gründen (ich nehme an, die Autorin hat bis heute keine Erklärung) gibt es einige wenige menschliche Frauen, die sich mit den Aliens reproduzieren können. Und praktischer Weise sind sie auch gleich entsprechend markiert, damit da ja keine Missverständnisse aufkommen: Sie tragen alle das gleiche Muttermal. Ob diese Frauen irgendwie miteinander verwandt sind, wird genauso wenig geklärt wie die Frage, ob es sich hier ebenfalls um etwas Genetisches handelt. Nachfahrinnen der Aliens können sie ja nicht sein, die können ja keine Mädchen.
4) Die ersten Aliens sowie die Vampire der ersten Generation haben ganze Populationen ausgelöscht in ihrem Blutdurst. Nette Idee, aber sie kommt mir auch nur so hingerotzt vor, halt als „hej guck mal, ich hab auch eine Erklärung für den Untergang von Atlantis und das Sterben der Maya“. Och nö, und nicht mal eine gute!
5) Blutdurst macht aus Vampiren Rogues. Oder anders: Blut = Nahrung = Droge. Wer zu viel isst, wird nicht etwa dick, sondern süchtig und mutiert. Warum auch immer, wenn ich zu viel esse, wird mir allenfalls schlecht und ich hab dann erstmal weniger Hunger. Aber bei den Gremlins gab es ja auch so komische Sitten.
6) Und letztendlich sind da noch die „guten“ Vampire, die die „bösen“ Rogues jagen und töten und sich natürlich nur von freiwilligen Spendern oder Bösewichten ernähren. Ach ja, gähn … Was wollte ich schreiben? Ich glaub, dass ich die Schnauze gestrichen voll hab von netten Vampiren! Nach dem NaNo sollte ich mir ernsthaft einen fiesen, bösen Vampirplot überlegen als Gegengewicht zu Twilight (gern gelesen), Lara Adrian (sieht man ja, wie gerne ich das gelesen habe) und dem ganzen Rest. Wo sind Dracula und Nosferatu, wenn man sie mal braucht?!

Ja … Die Frauen dürfen ihr Leben aufgeben und sich auf ewig mit den ach so tollen Vampirkriegern verbinden, und als Dankeschön bekommen sie dann Sex. Moment mal, Prostitution läuft doch eigentlich andersherum: Frau gibt Sex und bekommt dafür Geld und andere Aufwartungen. Aber na gut, wollen wir mal nicht so kleinlich sein!

Das Buch in drei Sätzen zusammengefasst: Fotografin entdeckt, dass es Vampire gibt, gibt ihr Leben auf und darf den Obervampir bis in alle Ewigkeit vögeln. Zwischendrin gehen Gebäude in die Luft und Vampire werden gekillt, außerdem stirbt eine Freundin der Protagonistin und alle anderen Freunde müssen halt damit leben, dass aus einer Vierer-Clique nun ein Duo wurde.

Oh, waren nur zwei Sätze. Egal. Was genau man sich unter den „Dunklen Häfen“ vorstellen kann, hab ich entweder verschlafen oder es wurde nicht näher erläutert, ob es sich um ganze Städte, unterirdische Stätten oder was auch immer handelt. auf jeden Fall ist es prima, dass Vampire das menschliche Gehirn so beeinflussen können, dass ganze Vampirkolonien unbemerkt bleiben. Außer natürlich von Gabrielle, klar.

Wer nach meiner zynischen Zusammenfassung trotzdem noch lesen will, was ich da verrissen habe (oder vielleicht gerade deshalb, weil es doch unmöglich so schlecht sein kann, wenn es der Auftakt zu einer bisher zehnbändigen Reihe ist und in den USA quasi über Nacht zum Bestseller wurde), hier sind die Daten:

Lara Adrian: Geliebte der Nacht
LYX, 2007
ISBN-10: 380258130X
ISBN-13: 978-3802581304
Taschenbuch, € 9,95
Kindle-Edition, € 8,99

PS: Immer, wenn ich schlechte Bücher auf meinem Kindle lese, ärgere ich mich, dass ich sie nicht physisch vorliegen habe, denn dann könnte ich sie wenigstens zum Flohmarkt tragen!

Rezension Cedars Hollow

Das Buch ist mir als Gratis-Download über Amazon in den Kindle zugeflogen, andernfalls hätte ich es vermutlich nicht gelesen.

Hazel lebt in der englischen Kleinstadt Cedars Hollow (hier frage ich mich bereits, warum deutsche Autoren ihre Geschichten immer in Amerika oder England ansiedeln müssen, ohne dass die Geschichte einen triftigen Grund dafür liefert) das normale Leben eines modernen Teenagers, als ihre Mutter brutal ermordet wird.
Mehr als einmal wird im Text erwähnt, dass diese mit blutig aufgerissener Kehle in einer Seitengasse gefunden wurde, und selbst der letzte Leser, der noch nie von Twilight gehört hat, begreift irgendwann, dass es sich wohl um den Angriff eines Vampirs handeln muss, nur Hazel, ihr Vater und die Polizei kommen natürlich nicht auf das Naheliegenste.
Okay, es gibt ja auch keine Vampire, daher ist das erstmal logisch.

Zwischen Hazel und ihrem Vater fallen im gesamten Roman ungefähr drei Sätze, einer davon lautet „wie geht es dir?“ und der andere „Gut.“ Ich habe schon Menschen in Trauer erstarren sehen, aber dass Vater und Tochter wochen-, ja monatelang nicht miteinander reden, nachdem die Frau respektive Mutter gestorben ist, halte ich selbst in der kältesten Familie für absolut unwahrscheinlich. Aber nun gut, weiter im Text.

Eines Tages trifft Hazel Dave, der hübsch, nett und charmant ist und sie auf einen Tee einlädt. Und er ist anders als die anderen … Noch jemand, der sich nicht an Twilight erinnert fühlt?
Dann wird sie von grausamen Alpträumen geplagt, in denen ein Rabe und ein Wolf eine Rolle spielen, und irgendwann werden Dave und sie auf dem Friedhof von einem Jungen angegriffen, der eben noch als Rabe auf einem Baum gelandet war und sich vor ihren Augen verwandelt. Der andere ist düster und abweisend und Hazel rennt davon.
Dave kämpft mutig um sein Leben und schleppt sich dann verletzt zu ihr, um ihr davon zu berichten, dass Corvus, der Rabenjunge, ihn töten will. Hazel hat von nun an Angst vor Corvus, bekommt aber aus Dave bezüglich der Verandlung nicht mehr raus als „davon darfst du nichts wissen.“
Hazel freundet sich immer mehr mit Dave an, stellt aber fest, dass sie nicht in ihn verliebt ist.

Eines Tages lauert Corvus ihr auf und erklärt ihr, sie solle sich von Dave fernhalten. Auf ihre Frage, ob er sie andernfalls töten werde, antwortet er sehr kryptisch, alles in allem scheint er ein ziemlich übler Typ zu sein. Zu übel, für meinen Lesergeschmack, da muss noch eine Wendung kommen.

In der Schule ist Hazel einsam, weil sie auf die stereotype Frage ihrer Freunde, ob es ihr gut ginge, immer nur mit „ja, klar“ antwortet und sich wundert, warum die nicht mal eine andere Platte auflegen.  Als ihre beste freundin fragt, ob ihr schon mal die beiden komischen Typen aufgefallen seien, die neuerdings an der Schule herumlungern, beste lügt sie diese an, und überhaupt verhält sich kaum ein Mensch in diesem Buch so, wie Menschen das üblicherweise tun.

Irgendwann gewinnt Corvus das Vertrauen von Hazel und überzeugt diese nun seinerseits, dass alles ganz anders und in Wahrheit Dave, der eigentlich Svarog heißt, der Böse sei. Warum er böse ist, lässt er im Unklaren. Natürlich, sonst wäre das Buch ja auch noch langweiliger und vorhersehbarer, als es eh schon ist. Corvus eröffnet ihr irgendwann, dass er ein Vampir ist und natürlich hat die liebe Hazel keine Angst vor ihm und seinen Freunden, sondern findet es ziemlich lässig, mit ihnen abzuhängen. Und natürlich hat Corvus eine Gruppe um sich geschart, die Menschen nicht töten, sondern rechtzeitig aufhören, sich zu nähren, damit ihre Mahlzeit, pardon, der Mensch, den sie gerade aussaugen, nicht stirbt.
Hazels beste Freundin wird ebenfalls ausgesaugt und überlebt, und natürlich kann Hazel nicht mal eins und eins zusammenzählen und versteht gar nicht, was die Bissmale am Hals der Freundin zu bedeuten haben.
Als sie dann später erfährt, dass Damon (hoppla, nun sind wir kurz zu Vampire Diaries abgedriftet!), der charismatische und immer gut gelaunte Vampir, der nachts gerne in Supermärkte einbricht und Chips klaut („he, ich lasse immer etwas Geld an der Kasse!“) sich von der Freundin genährt hat, kann sie ihm natürlich nicht böse sein und bittet ihn nur, das nie wieder zu tun. Nein, natürlich nicht! Dafür verknallen sich Vampir und Mahlzeit und sind am Ende des Buches ein glückliches Pärchen. Mampf.

Ich könnte ja noch lange weitermachen, aber sagen wir es so: Ich hatte Urlaub und genug Muße, das Buch bis zum Ende zu lesen, und immerhin wollte ich wissen, wie die Autorin alles auflöst. Dass sie alle Hinweise fünfmal gibt und die Figuren alle zu doof sind, um ihre eigenen Gedanken schon beim ersten Mal zu glauben, macht es ziemlich anstrengend, der sehr einfache Stil lässt einen  das Buch dafür in wenigen Stunden durchlesen. In diesem Fall ein echter Pluspunkt.

Am Ende ist Svarog/Dave tot, Hazel weiß nun, dass er ihre Mutter getötet hat, was Corvus ihr aus nicht verständlichen ehrenrührigen Gründen verschwiegen hat (vermutlich, weil ein „hey, halt dich von dem Typen fern, der hat Deine Mutter getötet“ zur rechten Zeit das Buch um locker die Hälfte gekürzt beziehungsweise den Rest der Handlung einfach überflüssig gemacht hätte), sie erkennen, dass sie zusammen gehören und Corvus dank ihr keine übermächtigen Blutgelüste mehr hat, er rettet sie nebenbei vor einer Beinahe-Vergewaltigung durch einen aufdringlichen Mitschüler und heilt ihre drohende Magersucht („seit dem Tod meiner Mutter bekam ich keinen Bissen mehr herunter“ Hand-an-die-Stirn-patsch), indem er seinen Vampirkumpel für sie kochen lässt („wir Vampire vertragen zwar keine menschliche Nahrung mehr und haben keinen Stoffwechsel, aber weil ich mal Koch werden wollte, klappt das bei mir doch noch“) und natürlich haben sie noch einen Verräter in der Gruppe und ein anderer opfert sich für Hazel, das tolle Menschenmädchen.

Kampfszenen sind statisch und enthalten haufenweise verschenktes Potential (da liegt stundenlang ein Silbermesser unbeachtet am Boden, aber erst im Nachhinein erfährt man, dass es ganz am Ende dann doch noch schnell benutzt wurde, Eine Gruppe greift an, aber der Einzelne ist natürlich immer im Vorteil und die Gruppe ist so nett und wartet artig, bis ein jeder von ihnen an der Reihe ist, anstatt ihn gemeinsam zu überwältigen) und ach ja, ich vergaß: Alle Vampire sind Gestaltwandler, was natürlich lässig und cool und für die Handlung so ziemlich unnötig wie ein Kropf ist und im Endkampf noch mal kurz aus dem Hut gezaubert wird.

Und damit man seine eigenen Vampire hat, haben diese halt Superkräfte, sind wahnsinnig schnell und stark und können sich verwandeln, dafür heilen ihre Wunden aber total schlecht und man kann sie eigentlich ziemlich einfach töten. Macht aber natürlich keiner, wäre ja blöd.

Diesem Buch hätte es sehr gut getan, wenn es vor der Veröffentlichung an Testleser gegangen wäre, die weder Schwestern, Freunde noch Eltern der Autorin sind und die Texte kritisch lesen und auf logische Fehler sowie Längen und unnötige Ausschweifungen hinweisen. Mal abgesehen davon, dass es schwer ist, etwas wirklich Innovatives zu erschaffen, wenn man im Strom eines erfolgreichen Buches schwimmen will (Twilight schimmert an allen Ecken und Kanten durch, leider ist der Stil der Autorin nicht ansatzweise so fesselnd wie der von Stephenie Meyer, über deren Bücher man sich sicher auch streiten kann). Ganz abgesehen davon wäre ein vernünftiges Lektorat hier Pflicht gewesen. Immerhin hat das Korrektorat gute Arbeit geleistet, bis auf die zu verschmerzenden üblichen zwei Tippfehler, die einfach mal durchrutschen, ist mir nichts aufgefallen.

Fazit: Die Autorin ist ambitioniert, aber bisher auf dem Niveau billiger Fanficton. Man kann nur hoffen, dass sie unermüdlich weiterschreibt, ihre Kritiker ernst nimmt und lernt, wirklich fesselnd zu schreiben, denn vielleicht ist eine Geschichte von ihr, die sich nicht an etwas bereits Vorhandenem anlehnt, eines Tages wirklich lesenswert.

Cedars Hollow von Charlotte Schäfer, Sieben Verlag, 2012
ISBN: 978-3-940235-73-2 (Taschenbuch)
978-3-864431-07-4 (e-book PDF)
978-3-864431-08-1 (e-book Epub)