Über Susanne Bloos

Autorin, Kosmetikherstellerin, Taucherin und seit 2013 auch Tauchlehrerin. Leidenschaftliche Leseratte, Frau mit zu vielen Hobbies, Katzennärrin. Und noch vieles mehr!

Rezension Trix Solier – Zauberlehrling voller Fehl und Adel

Trix Solier ist eines dieser Bücher, über die ich selber vermutlich nie gestolpert wäre. Aber glücklicherweise habe ich es beim Tintenzirkel-Weihnachtswichteln geschenkt bekommen und mich dann auch vor ein paar Wochen daran gemacht, es zu lesen.

Zu Beginn lernt man Trix kennen, den Sohn des Co-Herzogs von Solier, der gerade auf der Schwelle zwischen Junge und Mann steht – wobei er sich als Mann sieht und seine Umwelt ihn noch als Kind betrachtet.
Gerade, als er über die Streitfälle der Kinder und Jugendlichen richten soll, gibt es einen Putsch, bei dem sein Vater getötet wird und Trix selber ins Gefängnis geworfen wird. Der Co-Herzog Gris lässt jedoch eine gewisse Milde walten und lässt Trix laufen, mit einem Boot und etwas Geld und dem Rat, es später dem nichtsnutzigen Sohn des Herzogs Gris heimzuzahlen.
Fortan sinnt Trix darauf, wie er seinen Thron zurückgewinnen kann. Er lernt Ian kennen, der sich ebenfalls für Trix ausgibt, und bald erfährt er, dass der Herzog Gris etwa hundert Jungen mit der Kleidung von Trix ausgestattet, ihnen Geld gegeben und ihnen eingeschärft hat, sich als Trix auszugeben. Dennoch kommt er zu einem früheren Verbündeten seines Vaters, der ihn erkennt und ihm ein Schreiben mitgibt, das ihm einen Ausbildungsplatz bei einem Handwerker verschaffen soll – allerdings will er Ian als „echten“ Trix bei sich behalten und Trix soll seine Herkunft vergessen und seine Pläne begraben.

Wie gut, dass Ian dabei nicht ganz so mitspielt, wie der Herzog es sich gedacht hat – aber auch nicht unbedingt in Trix‘ Sinne.
Die Wege der beiden Jungen trennen sich, Trix versucht, Knappe zu werden, auch wenn das natürlich weit unter seiner Würde ist und wird letztendlich der Lehrling eines Zauberers. Und er wäre nicht Trix, der Sohn eines Co-Herzogs, wenn er nicht quasi nebenbei eine Herzogin retten und sich ehrenvoll verhalten würde.

Die Handlung des Buches ist witzig, die Welt ist wunderbar beschrieben, aber all das ist nicht das, was wirklich fesselnd ist an diesem Buch. Es ist die Art, wie es erzählt ist. Es gibt kleine Sidekicks auf unsere Welt (die Erfindung der Schnellküchen mit einem „goldenen Hintern“ als Emblem hat mich Tränen lachen lassen, genauso wie der Eipott!), und entgegen der üblichen Einteilung, dass Fantasy entweder in einem fiktiven Mittelalter oder aber in unserer Welt mit Ergänzungen spielen muss, ist Sergej Lukianenko eine wunderbare Mischung aus „typischer“ Fantasy und diversen modernen Elementen gelungen.

Dazu kommt eine wirklich ansprechende Sprache, ein wenig im Stil der klassischen russischen Erzähler, und natürlich wird der Leser hin und wieder auch direkt angesprochen. Zudem ist die Geschichte voller intelligenter Anspielungen auf Literatur, Musik, bekannte Logikrätsel und vieles mehr, von dem ich sicher nur einen Bruchteil gefunden habe. Das Rätsel mit den drei Türen habe ich Dank Lukianenko nun endlich wirklich verstanden, so dass ich es erklären kann – und das will wirklich etwas heißen!

Alles in allem ein wunderbares Buch, das mich bei der Lektüre nicht einmal gelangweilt hat. Uneingeschränkt empfehlenswert – und ich freue mich schon darauf, den nächsten Teil zu lesen, in dem es hoffentlich wieder ähnlich amüsant und intelligent zugeht!

Ich verteile ohne Einschränkung fünf von fünf Sternen.

Sergej Lukianenko: Trix Solier – Zauberlehrling voller Fehl und Adel
Gulliver
ISBN: 978-3-407-74334-3
€ 9,95

LBM 2015 – Nachlese

Ich habe mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten nicht nur zur LBM begeben, sondern war auch gleich vier Tage dort. Das kann ich wirklich jedem empfehlen, der ein bisschen Zeit mitbringt, denn bisher habe ich die Messe meistens nur für einen Tag, seltener für zwei besucht. Und das war meistens eine gehetzte Kamikaze-Aktion, bei der ich versucht habe, so viel wie möglich zu sehen. Kaum möglich!

Selbst dieses Jahr habe ich nicht alles von der Messe gesehen, aber zumindest das meiste von dem, was mich interessiert hat. Und ich habe viele Lesungen gehört, neue Autoren kennengelernt, Bücher gekauft, mich zwischendrin einfach mal in Ruhe hingesetzt und geschnackt oder was gegessen und die Messe einfach genossen.

Da sich gefühlt der halbe Tintenzirkel auf der Messe herumgetrieben hat, war es auch ein bisschen wie ein Klassentreffen – überall wurde man begrüßt, umarmt, hat jemanden zum Reden gefunden, wurde an die Hand genommen, wenn man verloren gegangen war – kurz, ich habe mich nie alleine gefühlt. Danke euch allen! :-*

Das Messe-Feeling auf der LBM ist wunderbar, zumal diese Messe eben im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse nicht vorrangig eine Fachmesse ist, sondern ganz bewusst für den Leser gemacht wurde. Natürlich finden auch Fachgespräche statt, es werden Verträge ausgehandelt und Kontakte geknüpft (und ich bin der weltbeste Undercover Bodyguard bei solchen Treffen), aber es gibt eben an jeder Ecke Lesungen, Meet&Greet-Treffen mit Autoren, Signierstunden, Mitmachecken für Kinder, Diskussionspodien etc. pp. Eine wahre Fülle an Angeboten, aus denen man sich pro Tag maximal 2-3 herauspicken sollte, der Rest ergibt sich dann einfach.

Toll sind auch die Cosplayer, die nicht nur in Halle 1 und dem kongresszentrum zu finden sind, sondern die sich überall unters Volk mischen. Manche der Kostüme sind so unglaublich aufwändig, dass man sich fragt, wie da noch ein Mensch drin stecken kann. Ich bewundere euch alle für eure Phantasie und Geduld beim Erstellen der Kostüme und noch mehr dafür, dass ihr Hitze und Kälte auf euch nehmt, ohne zu klagen.

Ich habe elf Bücher mit nach Hause genommen, die ich nach und nach lesen und rezensieren werde. Ich weiß nur noch immer nicht, wo ich anfangen soll und habe bisher zwei Bücher etwas weiter angelesen. Eines davon wird artig weitergelesen in den nächsten Tagen.

Ich freue mich so richtig auf die BuCon im Herbst und auf die LBM2016 – und dank Patrick Rothfuss, der wenig gelesen, dafür aber umso mehr Fragen beantwortet hat, habe ich eine ganz entscheidende Sache für mein eigenes Schreiben mitgenommen: Man kann nur gut schreiben, wenn man über Dinge schreibt, die man kennt und mag. Oder anders: Tolkien war Sprachwissenschaflter, kein BWLer, daher gibt es im ganzen Buch keine Szene, in der Geld eine Rolle spielt (ggf. zahlen sie ihr Bier im Tänzelnden Pony, aber auch das wird quasi nicht thematisiert), aber jede Menge unterschiedliche Sprachen.

Viel Spaß hat auch das Meet&Greet bei feelings gemacht – schön, dass ich euch kennenlernen durfte, Kerstin, Heike und Kerstin! 🙂 Eines eurer Bücher habe ich mir als Rezensionsexemplar gewünscht, das wird dann auch hier auftauchen (seht es mir nach, wenn es ein wenig dauert …).

Mit der Gewinnerin des Indie-Autoren-Preises in einer Messe-WG zu leben war auch lustig, ich wurde ständig auf den Bilur an meinem Hals angesprochen – Du bist eine Berühmtheit, Farina! 😀
Überhaupt hatte ich viel Spaß in meiner WG, danke auch noch mal an Sandra, die mir noch ein Plätzchen bieten konnte und die mich mit Chuck-Norris-Witzen zu Lachtränen erheiterte, an Laurence für „Du hast schöne Augen!“, an Jessica für die Torte (auch wenn es nicht meine war, aber sie war sehr lecker!) und an Christian für ein nettes, müdes Gespräch am Morgen. Und natürlich an Sina für lustige nächtliche Heimfahrten und dafür, dass Du mich im Bett nicht getreten hast. 😉

Rezension Dunkelsprung

Voller Freude habe ich vor ein paar Monaten entdeckt, dass Leonie Swann ein neues Buch geschrieben hat. Nachdem mir Glennkill damals sehr gut gefallen hat und ich mich ständig gefragt habe, wie man nur so genau wissen kann, wie Schafe denken, musste also auch Dunkelsprung unbedingt mit.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich es aus meinem „Mount to be Read“ gefischt habe, aber ich habe es nicht eine Sekunde lang bereut. Wer ein ähnliches Buch wie Glennkill oder auch Garou erwartet, muss sich ein wenig umstellen, aber es lohnt sich, versprochen!
Dunkelsprung spielt im London der Gegenwart, gemischt mit allerlei Phantastischem. So gibt es einen Magier, der Dinge auf der Bühne vollbringt, die nicht mal mit den besten Tricks zu erklären sind, es gibt ein Mädchen mit Hörnern, Wassernixen, einen Detektiv, der mehr ist, als er selber weiß, einen Therapeuten, der einen vergessen lassen kann, ein mysteriöses Haus auf dem Land, zwei alte Damen, von denen eine noch immer vierzehn Jahre alt ist und ein kleines grünes Tier mit einem sehr gesunden Appetit, das irgendwann gar nicht mehr so klein ist.
Und dann ist da natürlich noch der Flohzirkus, eine winzige Welt in der Welt, ein Mikrokosmos, liebevoll gehegt und gepflegt von Julius Birdwell, der mit seinen Flöhen Trinklieder singt und ihnen dabei nach und nach immer ähnlicher wird. Und während die kollektive Intelligenz immer größer wird, nabelt einer der Flöhe sich ab und entwickelt nicht nur seine eigene, individuelle Intelligenz, sondern beschließt auch, zu wachsen. Eine Art umgekehrter Oskar Matzerath, der sein Wachstum durch sein Denken beeinflusst.
Hier kommt die Kunst der Schafromane, sich in das Denken anderer Lebensformen einzufühlen, wieder zum Tragen. Herrlich schräg und unglaublich liebenswert!

Das alles verbindet Leonie Swann mit einer wunderbaren Sprache zu einem modernen Märchen, welches vor Phantasie nur so sprüht. Dabei treffen ihre Bilder und Vergleiche perfekt auf den Punkt, und selbst, wenn man glaubt, nun endgültig zwischen all den Figuren und Handlungssträngen verloren zu sein, nimmt sie einen wunderbar leicht an die Hand und zeigt einem den Weg.

Ich fühlte mich an Shakespeares Sommernachtstraum und auch an Matt Ruffs Fool on the Hill erinnert, denn auch hier entfaltet sich vor dem Leser eine Welt hinter der Welt, voller Magie und Phantasie, mit viel Liebe zum Detail und sehr viel Intelligenz und Humor geschrieben.

Eines meiner Highlights der letzten Jahre, ich empfehle unbedingt, es zu lesen!

Leonie Swann: Dunkelsprung
Goldmann, 381 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-442-31387-7

Selbstzweifel, die erste

Tja, angeblich leiden ja alle Autoren hin und wieder an Selbstzweifel und Schreibblockaden. Die meisten schreiben davor und danach aber durchaus brauchbare Texte, weshalb sie sich trotzdem Autoren oder Schriftsteller nennen dürfen.

Und ich? Ich sitze gerade hier und bin unzufrieden. Seit Tagen habe ich nichts geschrieben, und als ich gestern mein Dokument geöffnet habe, passierte Folgendes:

Ich las die letzte szene noch mal, um wieder in den Text zu finden. Den „besten“ Klopper hatte ich schon während des Schreibens markiert, um ihn zu überarbeiten. Wollt ihr ihn sehen?

„Als auch er draußen ist und die Tür zugezogen hat, nachdem er sich vergewissert hat, dass sie einen Schlüssel dabei hat, schließt sie ab.“

Literarisch absolut hochwertig, nicht wahr? Meine Anmerkung dazu lautet auch entsprechend: „Hat – hat – hat – den Satz üben wir noch mal, Frau Bloos!“

Tja, nun bin ich durchaus in der Lage, den Satz zu zerlegen, umzuschreiben und etwas Besseres draus zu machen. Das Hauptproblem des Textes ist aber ein anderes: Er transportiert nichts. Keine Emotionen, keine Bilder. Telling in schlechtester Reinkultur. Und nein, die einzelnen Sätze einfach ins „show“ zu setzen, ändert nicht viel. Denn der ganze Text ist flach, platt und belanglos. Ich sehe meine Figuren nicht vor meinem geistigen Auge, ich habe keine Vorstellung von den Orten, an denen sie sind (doch, die „Standardorte“ haben inzwischen ein Aussehen, das Haus der Familie und das Büro des Vaters) und viel schlimmer: Ich transportiere nicht mal diese winzigen Bruchstücke einer Vorstellung.

Wenn ich als Autorin beim Lesen schon überlege, was der langweilige Scheiß eigentlich soll, wie soll ich damit auch nur einen Leser hinter dem Ofen hervorlocken? Vermutlich gar nicht.

Natürlich könnte ich den Text fertig schreiben, um wenigstens das getan und meine Message in Buchstaben gezwängt zu haben, aber will ich das? Will ich mit einem Text von Verlag zu Verlag tingeln, mir haufenweise Absagen einhandeln, von denen ich weiß, dass sie gerechtfertigt sind?
Oder will ich das Ding in der virtuellen Schublade verrotten lassen, weil ich halt schon weiß, dass ich damit nicht mal Klopapier bedrucken sollte?

In meinem Kopf ist es eine komplexe Geschichte, in der verschiedene Menschen nach und nach merken, dass ein weiterer in ihrer Mitte nur auf sich und seinen Vorteil bedacht ist, obwohl er eben auch sehr liebevoll, zärtlich und fürsorglich sein kann, letztlich aber nie altruistisch, sondern immer narzisstisch handelt. In meinem Kopf sind hier Intrigen und Verwirrspiele beteiligt und sechs Menschen, deren Innerstes nach und nach zutage gefördert wird und durch deren Perspektiven sich das Bild zusammenfügt.

Tatsächlich habe ich bisher sehr viele Einzelszenen, von denen manche okay sind, die meisten aber einfach völlig egal. Wenn ich ein gutes Buch lese, dann halten mich die Szenen und die Figuren gefangen, auch nachdem ich es aus der Hand gelegt habe. Meine Figuren machen das nicht mal, während ich schreibe.

Mir stellt sich derzeit die Frage, ob ich tatsächlich nicht schreiben kann und es aufgrund meiner talentfreiheit auch zukünftig lassen sollte, oder ob man das Schreiben nicht wie jedes Handwerk lernen kann. Und wenn das geht, dann frage ich mich, wie.

Die Tipps, die ich bekomme, laufen meist auf „Üben, üben, üben“ hinaus. An und für sich nicht verkehrt, aber wenn man niemanden hat, der einen korrigiert und einem sagt, wie man es besser, anders, effektiver macht, dann hilft es nicht.
Ich sehe ja, wie schlecht meine Texte sind, ich kann genau den Finger auf die Wunden legen, aber ich weiß nicht, wie es besser geht.

Autoren wie Juli Zeh, Leonie Swann oder Sergej Lukianenko (um nur einige derjenigen zu nennen, die mich in den letzten Monaten beeindruckt haben) machen das so nebenbei. Sie malen Bilder mit wenigen Worten, die sich vor meinem geistigen Auge entfalten. Sie sind großartige Erzähler, denen man gerne folgt, auch wenn nicht immer „show“ ihren Stil leitet. Und sie haben so unglaublich geniale Einfälle, dass ich gleichzeitig staune, kichere und vor Neid erblasse.
Und ich? Ich lese das, ich analysiere es, aber ich habe nicht den leistesten Schimmer, wie man so schreibt.

Vielleicht sollte ich Makramee-Eulen klöppeln. Oder für den Rest meines Lebens Konsument bleiben, denn Lesen mag und kann ich. 😉
Vielleicht finde ich aber irgendwann noch heraus, wie man es macht. Denn immer, wenn ich das Schreiben aufgeben will, kommen Ideen vorbei. Nur leider bringen sie keine Ausführung mit.

Der Januar ist geschafft

Ich habe es kaum für möglich gehalten, aber ich habe den Januar erfolgreich abgeschlossen. Es gibt zwar Tage, an denen ich gar nicht geschrieben habe, aber das waren nur fünf (plus einen, an dem ich gerade genug geschrieben habe, um mein Tagessoll zu erreichen und nicht von der Immergrünliste zu fliegen), und ich habe ausgerechnet heute kurz vor Toresschluss noch eine Szene geschrieben, die mir von der Erzählstimme her sehr gefällt.

Für alle, die einen optischen Eindruck mögen, gibt es hier einen Screenshot meines Monatsblattes – so sieht ein Monat im T12 aus, der nicht perfekt ist, aber zumindest gut:

Bildschirmfoto 2015-01-31 um 23.54.07

 

Man sieht, dass ich in der Mitte des Monats eingebrochen bin und ab da meinen mühsam aufgebauten Vorsprung wieder „aufgegessen“ habe, aber immerhin bin ich nie unter das Soll gerutscht.

Wenn ich die nächsten zwei Monate so weitermache, sollte ich zwischen Ende März und Mitte April die Rohfassung meines Romans in den Händen halten, und ab da gibt es dann mehrere Möglichkeiten: Ich nehme mir einen der angefangenen Romane vor, die unbedingt beendet werden wollen, ich schreibe zur Auflockerung ein paar Kurzgeschichten, ich überarbeite diesen Roman oder ich schnappe mir eine ganz neue Idee. Heute morgen unter der Dusche kam eine angehoppelt und hat mal neugierig um die Ecke geschaut, ob ich bereit für sie bin. Nein, noch nicht, aber ich werde sie skizzieren, damit sie nicht weghoppelt. Und hin und wieder werde ich sie mit weiteren Häppchen füttern, damit ich sehe, ob sie für einen Roman taugt oder doch eher für eine Kurzgeschichte oder Erzählung.

Und jetzt gönne ich mir einen Whisky auf den erfolgreichen Monat. Slainte!

Neues vom Schreiben

Der T12 läuft ja nun schon seit 24 Tagen, und ich bin positiv überrascht.

Bis zum 16. habe ich sogar die Monatschallenge („schreibe jeden Tag mindestens ein Wort mehr als den bisherigen Durchschnitt“) geschafft, aber am 17. war ich abends so unglaublich müde, dass ich unverrichteter Dinge ins Bett gefallen bin. Zu dem Zeitpunkt hatte ich drei Tage Vorsprung, so dass ich mir einen Tag Auszeit leisten konnte.
Inzwischen habe ich den Vorsprung aufgebraucht, weil ich konsequent immer einen Tag geschrieben und mich einen drauf ausgeruht habe. Heute „musste“ ich schreiben, um nicht von der Immergrünliste zu fallen, was ich gerade erfolgreich absolviert habe.

So viel zu den Formalia – viel spannender ist aber der Roman an sich.
Ich habe ja ein ehrgeiziges Projekt, bei dem ich einen Menschen auf dem Weg vom persönlichen Zenit in den Abgrund „begleite“. Und diesen Prozess beschreibe ich aus nicht weniger als sechs Perspektiven. Eine ist seine eigene, dann dürfen noch seine Frau, seine Tochter, sein Chef, seine engste Mitarbeiterin und eine weitere Kollegin, die auch gute Freundin ist, berichten.

Ich habe einen groben Fahrplan, mit dem ich mich durchhangel. Entgegen meiner Befürchtung, dass es ohne konkretes Plotten nichts wird, klappt das erstaunlich gut! Ich habe Szenen geschrieben, von denen ich nicht einmal geahnt habe, dass es sie geben würde, ich habe seiner Frau ein Hobby verschafft und seine Tochter zu einer kleinen Meisterspionin werden lassen. Die durfte heute nämlich feststellen, dass Daddy gar nicht so toll und rechtschaffen ist, wie sie selber immer glaubt – und wie er sich auch sehr gerne darstellt.

Alles in allem habe ich zwar durchaus Tage, an denen ich mich frage, wer um Himmels Willen das wohl mal lesen will oder wie ich aus dieser Rohmasse etwas Zusammenhängendes und flüssig Lesbares machen soll, aber immer, wenn ich einen Abschnitt fertig gestellt habe, merke ich, wie viel Spaß mir das Schreiben an diesem Roman macht und wie gerne ich selber miterleben will, wie der Protagonist nach und nach in Richtung Abgrund gleitet.

Ich habe diesem Roman versprochen, dass er in diesem Jahr ein „Ende“ bekommt, wobei ich für die Rohfassung Ende März angestrebt habe. Ich bin noch immer wild entschlossen, das auch umzusetzen!

Rezension Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

Ich habe dieses Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen und mich sehr darüber gefreut. Ich kannte noch nichts von Rachel Joyce und bin entsprechend unvoreingenommen herangegangen. Der Einband gefiel mir, der Klappentext las sich spannend und so, als sei es ein Buch, das mir wirklich gefallen könne (ich sortierte es anhand des Klappentextes bei den Romanen von Jojo Moyes ein, was jedoch im Nachhinein nicht zutrifft).

Also begann ich zu lesen.

Es gibt zwei Zeitebenen, eine 1972, die in dritter Person aus Sicht des elfjährigen Byron erzählt wird, und eine 2012, ebenfalls in dritter Person aus der Sicht des erwachsenen Jim erzählt.
Inwieweit diese beiden Ebenen etwas miteinander zu tun haben, bleibt sehr lange unklar, auch wenn man als Leser Vermutungen anstellen kann, da Byrons bester Freund James heißt.

Byron und James gehören zur gehobenen Mittelschicht und gehen gemeinsam auf eine Privatschule. Während James sehr analytisch veranlagt ist, ist Byron eher ängstlich und versteht die Zusammenhänge nicht unbedingt sofort. Als James ihm beiläufig erzählt, dass dem Jahr zwei Sekunden hinzugefügt werden, damit die Zeit wieder mit der Erdrotation in Einklang ist, ist dies für Byron eine derartige Sensation, dass er wochenlang kaum an etwas anderes denken kann.
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie weit verbreitet 1972 funkgesteuerte Armbanduhren unter Kindern waren, aber genau in dem Moment, in dem Byron während einer Autofahrt mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester auf die Uhr schaut, springt der Sekundenzeiger zweimal zurück (was genau genommen eine Differenz von vier Sekunden zur vorigen Zeit ausmachen würde, aber wer will denn da kleinlich sein).
Vor lauter Aufregung wedelt er hektisch mit dem Arm vor dem Gesicht seiner Mutter herum und versucht, ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Gleichzeitig sieht er aus dem Augenwinkel ein kleines Mädchen auf einem roten Fahrrad aus einer Einfahrt in Richtung Straße fahren.
Dann gibt es einen Ruck, das Auto steht.
Und nur Byron hat den Unfall bemerkt. Weder seine Schwester noch seine Mutter sehen das kleine Mädchen, das zusammengekrümmt unter ihrem Fahrrad neben dem Beifahrersitz auf dem Gehweg liegt (ich nehme an, seine Mutter ist vor lauter Schreck über seinen Aufstand wegen der Zeit gegen den Kantstein gefahren und hat nur dies wahrgenommen).
Byron fleht seine Mutter an, schnell weiter zu fahren, und ab diesem Moment gerät seine Welt aus den Fugen, denn nun ist er für seine Mutter und ihre Unschuld verantwortlich, schafft es jedoch nicht, das Geheimnis für sich zu behalten und löst so eine Reihe von verketteten Aktionen und Tragödien aus.

Jim in der Gegenwart ist ein Mann Anfang 50, der viele Jahre seines Lebens in der Irrenanstalt in Besley Hill verbracht hat, bis diese geschlossen und er quasi zwangsresozialisiert wurde. Er leidet unter einem Haufen Zwangsstörungen, stottert und wirkt sehr einfältig. Er lebt in einem Trailer und muss komplizierte Rituale vollführen, wenn er nach Hause kommt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Tischwischer in einem Diner.

Ich habe etwa 200 der insgesamt gut 400 Seiten durchgehalten, obwohl es nicht eine Figur gab, die mir irgendwie sympathisch war. Es war mir schlichtweg egal, was mit ihnen passiert. Byron ist ein dummer, dämlicher, verwöhnter Elfjähriger, der einen Unfall verursacht und nicht nur diese Tatsache nicht sieht, sondern auch noch glaubt, er müsse seine Mutter vor was auch immer schützen, indem er den Unfall weiter verschweigt, schafft aber nicht mal das.
Jim wiederum tut mir zwar ein wenig Leid, aber letztlich ist auch er so distanziert beschrieben, dass er jeder x-beliebige geistig Zurückgebliebene sein könnte.
Etwa nach 150 Seiten war ich mir recht sicher, die Verbindung zwischen den beiden erkannt zu haben, und als ich bei Seite 200 angekommen war und der Roman noch immer unsäglich anstrengend und nichts sagend dahinplätscherte – selbst Byrons Eltern sind Stereotype der damaligen Zeit, auch wenn Diana zumindest ein wenig versucht, aus dem gesellschaftlichen Korsett auszubrechen -, habe ich etwas getan, was ich selten mache: Ich habe entschieden, die Lektüre abzubrechen und nur noch zu prüfen, ob meine Vermutung stimmt. Und siehe da: Ich hatte Recht.

Da ich die Pointe nicht verderben will (es mag ja Menschen geben, die mit dem Buch deutlich besser zurechtkommen als ich und es gerne lesen), werde ich nicht weiter darauf eingehen. Ich bin aber sicher, dass ich anhand der Amazon-Rezensionen (vor allem anhand der ein-Stern-Bewertungen) alle „Höhepunkte“ des Romans, die quasi noch vor mir gelegen hätten, bereits kenne, und für diese lohnt es sich nicht, sich weitere 200 Seiten zu quälen.

Schade, es war ein vielversprechendes Buch, und inzwischen weiß ich, dass der Erstling der Autorin durchaus hoch gelobt wurde, so dass ich ihr als Autorin wohl noch eine Chance geben werde. Sollte mir das Buch dann auch nicht gefallen, dann passen ihr Stil und meine Erwartungen einfach nicht zusammen.

Rachel Joyce: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte
Fischer Taschenbuch
ISBN-13: 978-3596195374

Die ersten zwei Tage

Das Jahr hat begonnen und damit auch der T12. Während ich die ersten halbwachen Momente bei Tageslicht damit verbrachte, eine aufdringliche Hundeschnauze von meiner Nase fernzuhalten, habe ich die frühen Abendstunden (vorher war ich nicht zuhause) damit verbracht, die zweite Szene meines Romans zu schreiben.

Es ging erstaunlich gut und ich habe 15 Wörter über Tagessoll geschrieben. Heute kam dann die dritte Szene, da war ich dann 75 Wörter über Tagessoll. Wenn ich so weitermache, habe ich am Ende des Monats einen hübschen Vorsprung, aber ich bin ja realistisch und weiß, dass es nicht jeden Tag so super laufen wird.

Drei Szenen, drei Perspektiven. Zweimal dritte Person Präsens, einmal erste Person Präsens. Spannend, wie unterschiedlich meine Figuren bereits jetzt die Welt betrachten!
Und die Monatschallenge im T12 ist wirklich fies: Denn dadurch, dass man jeden Tag mindestens ein Wort mehr schreiben soll als der bisherige Tagesschnitt beträgt, muss ich mich in den ersten Tagen echt zusammenreißen, damit das Ziel noch schaffbar ist. Hätte heute bestimmt noch zwei weitere Szenen schreiben können, aber nun gut: Dann werden sie halt noch ein wenig vorgeplant, das kann auch nicht schaden. 😉

Bisher läuft es also gut und ich bin total gespannt, wie es weitergeht mit mir und dem Schreiben in diesem Jahr. Mal schauen, ob ich mich gut genug organisieren kann, damit ich nicht wieder nach wenigen Monaten beschließe, alles an den Nagel zu hängen. Anfeuerungen jeglicher Art werden gerne entgegen genommen!

Auf in ein neues Schreibjahr

2014 liegt in den letzten Zügen – noch etwas mehr als 24 Stunden, dann steht ein nagelneues Jahr vor der Tür.

Zeit für ein kleines Resümee: Ich habe in diesem Jahr schreiberisch auf voller Linie versagt – und trotzdem viel gelernt.
Wie das?

Versagt: Den T12 nicht geschafft (Tintenzirker wissen, worum es geht: Ein Jahresziel von mindestens 250.000 Wörtern knacken), den NaNo nach etwa 20.000 Wörtern abgebrochen und heftig gezweifelt, ob ich überhaupt noch schreiben kann.
Festgestellt, dass meine Texte (da zitiere ich mal eine Leidensgenossin) in meinem Kopf ein wunderbarer bunter 3D-Film sind und auf dem Papier eine schlechte schwarz-weiß-Werbung für den Film.
Ich habe ein paar Tage sehr ernsthaft und emotionslos darüber nachgedacht, das Schreiben als Hobby an den Nagel zu hängen.
Aber da sind Geschichten in mir, die erzählt werden wollen. Und wie soll ich ihnen sagen, dass sie leider zum Tode verurteilt sind, weil ich mal wieder aufgebe, anstatt zu lernen? Als Kind wollte ich immer alles sofort können und war regelrecht wütend, wenn es nicht klappte.
Die Wahrheit ist: Ich bin kein Kind mehr. Und ich muss endlich begreifen, dass manche Dinge einen langen Lernprozess erfordern.

Also habe ich mich – auch dank Majas wunderbaren Neuerungen – doch wieder für den T12 angemeldet. Weil ich ohne das Schreiben nicht vollständig bin. Und weil ich mich endlich disziplinieren will. Anstatt abends eine Folge einer Serie zu schauen, schreibe ich dann eben. Oder morgens beim ersten Kaffee, wenn ich zwar noch nicht wach bin, aber noch genug in der Traumwelt, um von dort Wörter zu stehlen.

Ich habe mich eingehend damit befasst, woran es meinen Texten mangelt, und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich zu sachlich seziert beschreibe und zu wenig Atmosphäre schaffe, zu wenig Emotionen transportiere. Hin und wieder gelingt es mir, aber nicht immer.

Dann habe ich das Buch, das ich gerade mit wachsender Begeisterung lese, mit anderen Augen gelesen, habe mir angeschaut, wie die Autorin macht, was sie macht – und kam zu dem Schluss, dass sie die Welt mit anderen Augen betrachtet, so als sähe sie die Dinge zum ersten Mal. Sie zieht Vergleiche, die mir Gänsehaut bereiten, weil sie so toll und wahr und ungewöhnlich sind.

Nein, ich werde sie nicht kopieren, das könnte ich gar nicht, aber vor allem will ich das auch nicht. aber ich lerne von ihr (und von anderen) und habe heute die erste Szene meines neuen Romans (von dem ich schon etwa 6000 Wörter im Urlaub in Schweden geschrieben habe, die ich bewusst nicht noch mal anschaue) geschrieben. Aus der Perspektive, die ich am wenigsten in Betracht gezogen hätte – und siehe da: Anscheinend war das genau der Blickwinkel, den diese Szene brauchte. ich bin mit diesen gut 500 Wörtern zufrieden, und das ist ein ganz neues Gefühl.

Also dann: Auf in den T12 2015, in ein neues Schreibabenteuer mit täglichen Herausforderungen, mit Monatschallenges und mit jeder Menge Spaß, aber auch Schweiß, Blut, Tränen und Flüchen. Letztlich gehören diese zu jedem Job dazu, also auch zu dem des Autors.

Tina Alba bringt es auf den Punkt – Genderdebatten in der Sprache

Ich bin dank Facebook heute mal wieder auf dem Blog meiner Kollegin Tina Alba gelandet, der sich generell lohnt. Sie hat einen wirklich guten, nachdenkenswerten Artikel über die Sprachverbiegung im Namen der Gleichberechtigung verfasst, den ich gerne für euch verlinke: Ge-genderte Sprache – auf Biegen und Brechen?

Vor knapp 20 Jahren beschloss ich, Medizin zu studieren, um Arzt zu werden. Und verstand das Geschrei nicht, als alle mich korrigieren, ich werde Ärztin und nicht Arzt. Für mich war es eine Berufsbezeichnung wie jede andere auch, bei der ich nicht groß über das Geschlecht nachdachte.

Heute muss ich zusehen, dass ich niemanden ausgrenze, wenn ich einen Text verfasse. Der dann im schlimmsten Fall voll ist von „Liebe LeserInnen, bitte denkt daran, die MülleimerInnen abends zu lehren. Außerdem tropft das Wasserhuhn in den Unisextoiletten im der dritten Stockwerkin noch immer.“ – Zugegeben, das liest sich albern, und das ist auch mit Absicht überspitzt. Aber: Ich bekam vor gut 20 Jahren das Buch „Die Töchter Egalias“ in die Finger und lachte mich als Teenie über PHs für die Herren und eine gnadenlos „eingeweibschte“ Sprache kaputt.
Zwanzig Jahre später sind wir so weit. Und wo kommen wir hin, wenn wir im nächsten Schritt auch noch alle Menschen sprachlich berücksichtigen, die sich beiden, keinem oder allen Geschlechtern zugehörig fühlen?

Ich möchte niemanden diskriminieren und ich weiß, dass Sprache das Werkzeug zur Diskriminierung ist. Aber eben nur das Werkzeug. Ob ich mit einem Hammer einen Nagel in die Wand oder ein Loch in Nachbars Kopf schlage, ist nicht die Frage des Hammers, sondern die meiner Intention.

In diesem Sinne: Für mehr Mitdenken und weniger unleserliche Texte. Denn letztlich kann man sich Schuhe anziehen oder es lassen, auch wenn sie einem hingestellt werden.